Hussein Aboubakr Mansour sieht die «Verteidigung des Abendlandes» wieder zurück auf der Tagesordnung in den USA, wie seit den Anfängen des Kalten Krieges nicht mehr.
Vor Kurzem hörte sich dies noch altertümlich an.
Seit dem Aufstieg Chinas zur konkurrierenden globalen Supermacht, der islamistischen Einwanderung und dem Zusammenbruch der internationalen politischen Ordnung jedoch sei dies wieder höchst aktuell – als Gegenbewegung zum sogenannten «Wokeismus» (NZZ, 14. Juli 2026, S. 14).
Allerdings sieht er diese Verteidigung vor einem inneren Widerspruch: «zwischen religiös-kulturellen Konservativen und aufklärerischen Liberalen» (a.a.O.). Das ist seine These.
Für die Konservativen ist die westliche Zivilisation im Grunde die Zivilisation der Bibel und Athens, so Mansour.
Er nennt dabei eine bunte Schar: religiöse Traditionalisten, Naturrechtstheoretiker, katholische, jüdische und protestantische Intellektuelle sowie säkulare Denker. Sie berufen sich auf Traditionen von der Genesis über Homer, Augustinus und Thomas von Aquin bis zur amerikanischen Gründung.
Die Errungenschaften der Aufklärung und der Moderne, einschliesslich der politischen Errungenschaften, sind für diese heterogene Gruppe nur als Früchte der genannten Traditionen begreifbar. So lautet die Behauptung, die vieles zusammenbindet.
Schneidet man die Errungenschaften von den Wurzeln ab oder verselbständigen sie sich, so führt dies zur «geistigen Krise» und zum Zusammenbruch des ganzen «abendländischen Gebäudes». Solche ähnlichen Diagnosen hat man schon öfters gehört.
Auch die Remedur der Krise liegt auf der Hand: Sie besteht in der Rückbesinnung auf die genannten Traditionen.
Die Liberalen
Auf der anderen Seite stehen die «antiwoken» Liberalen als Erben der Aufklärung. Das westliche System ist für sie die Zivilisation der Aufklärung: «die Tradition der kritischen Vernunft, der empirischen Wissenschaft, der individuellen Freiheit und institutionellen Selbstkorrektur, die im 17. und 18. Jahrhundert entstanden ist».
Das religiöse Erbe ist für sie die zu überwindende Finsternis und nicht die Wahrheit, aus der die Zivilisation hervorging.
Es gelinge heute nicht mehr, die «Standards der Aufklärung» gegen die «woke Linke» und die «religiöse Rechte» aufrechtzuerhalten.
Mansour nennt hier namentlich Steven Pinker, Sam Harris und Francis Fukuyama, die in diese Richtung publizistisch sehr aktiv sind.
Die beiden Vorstellungen von westlicher Zivilisation – konservativ und liberal – sind für Mansour (1.) unvereinbar, und (2.) unterstellt jede der anderen eine verkürzte Erzählung des Ganzen, (3.) womit jede Seite recht hat. So weit Mansours Blick von aussen, voller Bewunderung für die westliche Zivilisation.
Dadurch kommt es zu einer unvermeidlichen Spannung. Das ist die eigentlich originelle These. Warum?
Die Liberalen verstehen nicht, dass ihre Konzepte «säkularisierte theologische Grundsätze» sind.
Den Konservativen andererseits entgeht, dass die westliche Zivilisation selbst ein «postchristliches Konzept» ist. Vor der Aufklärung als Epoche gibt es keine westliche Zivilisation.
Beide Seiten begründen sich historistisch, mit einer historischen Erzählung. Beiden ist gemeinsam die narrative Selbstabhängigkeit, indem man sich auf Geschichte beruft statt auf Gott, was der «postchristlichen Situation selbst» entspringt.
Daraus folgt, dass die westliche Zivilisation auf der unvermeidlichen konstitutiven Spannung zwischen dem theologisch-biblischen Erbe und der aufklärerischen Ablehnung oder Überwindung desselben beruht.
Diese Spannung lässt sich nicht auflösen.
Liberalismus und Konservativismus
Mansours Begriff des Liberalismus hat mit der philosophischen Tradition, wie sie zum Beispiel Pierre Manent in seiner bekannten Anthologie Les Libéraux präsentiert, beginnend mit Milton und Locke bis zu Raymond Aron, dessen Schüler er ist, wenig zu tun. Die Namen Sam Harris und Steven Pinker sind für uns schwer einzuordnen.
Grosse liberale Denker wie Ronald Dworkin (Bürgerrechte ernst genommen) und John Rawls (Politischer Liberalismus) sind zwar traditionsbewusst, führen aber keine Kämpfe gegen den jüdischen oder christlichen Glauben. Das war auch bei den grossen historischen Liberalen wie John Stuart Mill, Benjamin Constant und Alexis de Tocqueville nicht der Fall, obwohl sie natürlich den religiösen Dogmatismus ablehnten.
Die bunte Schar von Konservativen, die Mansour ins Feld führt, sind genauso Erben der Aufklärung, wie diese überhaupt einen religionsfreundlichen Strang kennt, der oft nicht zur Kenntnis genommen wird.
Auch die Aufklärung gibt es nur im Plural: Es gibt eine englische, schottische, französische, holländische, deutsche und andere Varianten der Aufklärung.
Der Katalog dessen, was wir dem Zeitalter der Aufklärung verdanken, ist ebenso gross wie die Errungenschaften und Spuren der griechisch-römischen und jüdisch-christlichen Tradition.
Auch gibt es bis heute und heute erst recht (nach der Aufklärung) einen permanenten Streit um die Position der Aufklärung im Prozess der Aufklärung. Dabei kommt es genauso auf das Wie wie auf das Was an. Das aufklärungsbedingte Toleranzdenken ist gegenwärtig genauso bedroht wie die liberale Demokratie in den USA und Europa.
Die neuen Akademien der Intoleranz kommen von den Universitäten.
Das Vorbild der Demokratie ist in tödlicher Gefahr: geistig wie politisch. Da wird die intellektuelle Geschichte des Liberalismus besonders lehrreich, die Pierre Manent geschrieben hat (Princeton 1995), einschliesslich des demokratischen Individualismus und der neutralen Governance. Sein Buch über die «Natur der Demokratie» bei Tocqueville kann ein aufschlussreicher Schlüssel für heute sein.
Nur reaktionäre Traditionalisten («Piusbrüder») und Fundamentalisten jeder religiösen Couleur, die sich der Hermeneutik verweigern, lehnen die Aufklärung grundsätzlich ab. Sie betreiben buchstäblich Gegenaufklärung, die es auch auf politischer Ebene als totalitäre Versuchung gibt – von links wie rechts.
Die Verarbeitung der totalitären Erfahrung gehört obligatorischerweise zur politischen Aufklärung.
Bibel und Athen
In diesem Zusammenhang ist die Behauptung Mansours zu kritisieren, die Bibel und Athen seien das Fundament der westlichen Zivilisation. An dieser Stelle muss das römische Recht ebenso zusätzlich erwähnt werden wie Cicero, der auch für die christlichen Theologen und Philosophen von grosser Bedeutung war.
Zudem ist die Bibel nicht nur eine tragende Säule, sondern auch eine Bürde, die sowohl humanisierende als auch destruktive Kraft entfalten kann. Ohne aufgeklärte Hermeneutik richtet sie Schaden an wie jeder «Biblizismus». Bei den Christen gibt es dogmatische Auslegungen oder Auslegungen im Sinne eines freigeistigen Christentums nach Erasmus und Castellion.
Bei den Juden gibt es eine Exegese von streng bis ultraorthodox oder als Fortsetzung der Haskala.
Alles in allem verlaufen also die Konfliktlinien nicht zwischen religiös frommen oder kulturell religiös Konservativen und religionsfeindlichen Liberalen tout court, sondern in der Art und Weise der Aneignung und Weiterführung der verschiedenen massgeblichen Traditionsstränge:
- griechisch-römisch,
- jüdisch-christlich,
- Aufklärung.
Schluss
Was Mansour selber unter Konservativismus versteht, wird nicht klar.
Diese Diskussion wird unter den Bedingungen des «Postliberalismus» (siehe den Blog vom 30. Oktober 2025) in Amerika gerade wieder spannend. Die alte Debatte über Religion als Kitt einer Gesellschaft mit haltlosem Individualismus lebt wieder auf – Tocquevilles Thema.
Der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance und mögliche Nachfolger Trumps hat eben seinen kulturphilosophischen Essay Communion. Finding My Way Back to Faith (London 2026, 304 Seiten) veröffentlicht und in den amerikanischen Medien wirkungsvoll präsentiert.
Darin empfiehlt sich der konvertierte Katholik den amerikanischen Wählern als gläubiger Christ und guter Familienvater, der an sich arbeitet.
Er spricht die Evangelikalen ebenso an wie die konservativen Protestanten und natürlich die Katholiken, insbesondere die katholischen Arbeiter und Angestellten, die durch Krieg und wirtschaftliche Konkurrenz besonders betroffen sind.
Nach den Midterm-Wahlen im November wird der Streit um die Richtung der Republikanischen Partei nach Trump von Neuem entbrennen. Es ist natürlich kein Zufall, dass das Buch jetzt erscheint. Es ist wieder ein Lebensbericht wie schon sein erstes erfolgreiches Buch Hillbilly Elegy (2016).
Und es ist eine Bewerbungsschrift für das höchste Amt.
Kulturphilosophisch wendet es sich gegen den global-säkularen Liberalismus und für die alte westlich-christliche Zivilisation, die Europa abhandengekommen ist.
Bildnachweis: Agentur Medienlabor