Warum Kriege wahrscheinlicher werden

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Die neue Weltunordnung ist fürwahr eine instabile Konstellation (Gujer, NZZ, 25. April, S.1).

Aber was für eine? Eine „labile Pentarchie“ der fünf Machtblöcke: USA, China, Russland, Indien und Europa, das Gujer „zahnlos“ nennt? Auch bei Indien muss man ein großes Fragezeichen setzen, und China und Russland sind zusammen zu nennen, die international eine ambitionierte strategische Partnerschaft bilden bei allen internen Differenzen – die ‚Schanghaier Organisation‘ wird aus westlicher Sicht international eher unter- als überschätzt.

Was also kann diese Theorie erklären und was nicht?
Schlagworte, die gerade hoch im Kurs sind wie etwa die sogenannte ‚multipolare Ordnung‘, von der nun alle schnell sprechen, verdecken eher die Problematik als dass sie aufklären.

Gujer argumentiert mit seinen Überlegungen auch gegen die „Untergangspropheten“, die einen Dritten Weltkrieg befürchten, will aber plausibel machen, dass Kriege wie in der Ukraine oder im Iran, „wahrscheinlicher“ werden.

Man könnte noch die Kriege im Sudan und in Mali nennen, die aktuell unter dem Radar bleiben, aber ebenso wieder drastisch zeigen, dass „alles mit allem“ zusammenhängt, was wiederum nicht heißt, dass regionale Konflikte zu „einem Weltkrieg verschmelzen“ müssen.

Die Rebellen in Mali wollen das Beispiel Syrien imitieren.

Die internationale Staatengemeinschaft unternimmt wenig gegen den brutalen Siegeszug der Dschihadisten in der Sahelzone, obwohl er Auswirkungen auf Europa haben wird.

Die (Welt-) Lage ist weit komplizierter, riskanter und leidvoller, als uns bewusst ist.
Die Welt (Weltkomplexität) ist größer als unser Standpunkt erahnen lässt, und die internationale Politik im genauen Sinne des Wortes anspruchsvoller und überfordernder.

Der gedemütigte Hegemon

Überzeugend ist der Gedanke, dass die amerikanische Macht im historischen unipolaren Moment, als sie auf dem Zenit stand, am Ende des Kalten Krieges, durch ihre eigene globale Ordnung begrenzt wurde.

Das klingt zunächst paradox.
Bedeutet indes, dass ein Hegemon, der die ‚Weltordnung‘ als freie westliche Welt mit Attraktivität geprägt hatte, diese Ordnung nicht beliebig zerstören kann, ohne seine eigene Ordnungsrendite zu beschädigen.

Die Macht dieses international strategischen Hegemon (gerade für Europa) mit seiner Weltzivilreligion ist durch sein Interesse an der eigens geschaffenen Regelhaftigkeit gebunden durch das große Versprechen geschützter Werkstätten (die ‚regelbasierte Ordnung‘).

Nur so ist zu erklären, weshalb die USA den Iran in Ruhe gelassen haben, obwohl dieser seit der islamischen Revolution 1979 immer als feindliche Macht mit hohem Bedrohungspotential agierte – verbal, ideologisch und mit terroristischen Taten.

Die Supermacht USA wird heute nicht zum ersten mal „gedemütigt“, wie viele sagen.
Denken wir nur 1980 an die Geiselhaft amerikanischer Diplomaten, den gescheiterten Befreiungsversuch, die zerstörten Helikopter in der Wüste und die gescheiterte Präsidentschaft Carter. Die Bilder sind unvergessen.

Ähnliche Bilder haben die Revolutionsgarden dem amerikanischen Publikum wieder bewusst und manipulativ vorgeführt.

Trump will den Krieg baldmöglichst beenden, noch vor den Midterm-Wahlen, denn er ist äußerst unbeliebt. Momentan steckt er in einer Pattsituation und versucht mit der Seeblockade Druck auszuüben. Wer hält länger durch?

Außenminister Rubio spricht von einer „wirtschaftlichen Atomwaffe“ (28.4.).

Kehren wir von der Aktualität zur Theorie zurück:
Sobald der Hegemon nicht mehr eindeutig als Ordnungszentrum agiert, verändert sich seine Kostenrechnung.
Dann wird er stärker zu einem Akteur unter anderen und rechnet auch so. Das ist rational.

So weit kann ich die Argumentation von Gujer nachvollziehen.

Nicht richtig ist indessen, dass die USA militärische Dinge nur deshalb tun, weil sie es können und keine andere Macht sie daran hindert.

Bemerkenswert ist an dieser Stelle vielmehr etwas anderes:
Es gibt innenpolitisch sehr wohl Schranken, die das militärische Handeln begrenzen können (nicht nur der Kongress, auch die starke isolationistische Tradition amerikanischer Außenpolitik und die Weltsicht vieler Wähler).

Die Kriege, die von Europa ausgegangen sind, waren zunächst auch nicht amerikanische Kriege, vom 1. Weltkrieg bis zuletzt die Intervention im ehemaligen Jugoslawien.

Es gab aber offenbar diesmal eine innenpolitische Situation, die den Irankrieg nicht verhindert, sondern bei allen strittigen Diskussionen selbst im eigenen (patrimonialen) Weißen Haus ermöglicht hat.

Das mag überraschen, weil die MAGA- Bewegung kritisch eingestellt ist gegenüber den eigenen Imperiumskosten (die man überwiegend für andere zahlt). Das spielte in diesem Fall aber keine entscheidende Rolle, die Partnerschaft, ja Freundschaft mit Israel (Netanjahu/Trump) und die Drohung der Atombombe aber schon.

„Hilfe ist auf dem Weg“ hatte Trump der iranischen Bevölkerung versprochen.

Die Menschen im Iran werden jedoch bald allein sein mit einem selbstbewussten radikalen Regime, das die leidende Pattsituation als Sieg feiert.
Alles scheint eingefroren und gefährlich. Widerstand kann man normativ nicht erwarten oder gar fordern in einer solchen Situation.

Chameini jr. hat nicht die Autorität seines Vaters, aber Kriegserfahrung aus dem Irak-Irankrieg. Er ist mit den Revolutionsgarden eng verbunden.

Die Verhandlungslinie der iranischen Führung, der ein Zentrum fehlt, jedoch ist unklar und widersprüchlich.

Der amerikanischen Seite bleibt nichts anderes übrig, als den Waffenstillstand zu verlängern und gleichzeitig die Kriegsbereitschaft aufrechtzuerhalten, so kostspielig das ist.

Die Kosten sind das eine große Problem, der Waffenmangel das andere. Ebenfalls mit Auswirkungen auf andere Konflikte.

Es kann ein langer Prozess werden, bis der Iran entscheidungsfähig wird. Und Zeit ist nicht gerade das , was die Trump-Regierung hat, während die Benzinpreise im Land steigen.

Ignorant ist es auch, Reza Pahlavi in Berlin nicht zu empfangen nach der großen Demonstration während der Münchner Konferenz (siehe das Video Youtube.be).

Überzogene weltpolitische Vorstellung der Pentarchie

Weit überzogen sodann ist, gemessen an den weltpolitischen Realien der globalen Staatenwelt, die Vorstellung der „Pentarchie“ (siehe auch schon frühere Blogs dazu).

China besitzt zwar hohe industrielle und administrative Kapazitäten, weist aber auch eigene große demographische, finanzielle und legitimatorische Herausforderungen und Probleme auf wie etwa die wirtschaftliche und enorme Bau- und Immobilienkrise sowie die Jugendarbeitslosigkeit etc.

Russland zudem ist unter Putin militärisch- nuklear gefährlich, aber ökonomisch und technologisch begrenzte reine Rohstoffextraktionsmacht. Russland hat als Imperium viel geopolitisches Störungspotential, aber wenig attraktive Gestaltungsmacht.

Die EU wiederum ist nur wirtschaftlich und regulatorisch stark, jedoch politisch und militärisch fragmentiert. Die Diskussion über Eurobonds zeigt, dass die EU-Integration nicht weit über einen Staatenbund hinaus ist.

Zudem sind die Regierungen und politischen Führungen der großen Ländern derzeit auf schwachen Füssen (Starmer, Macron, Merz). Zu einer Machtbalance innerhalb der Nato sind sie faktisch nicht fähig.

Der Subkontinent Indien wiederum, der Konkurrent von Pakistan und China, verfügt über einen großen Wachstums- und Demographieraum, der die Zukunft noch vor sich hat. Es ist aber noch kein dichter Machtprojektionsraum, sondern schwankt zwischen Russland, den USA und Europa.

Insgesamt benennt Gujer, der systematisch vor allem mit dieser Pentarchie argumentiert, zwar eine durchaus reale Polyzentrierung, er überschätzt aber die Symmetrie der Akteure ähnlich wie Herfried Münkler, der die Vorlage gegeben hat.

Die USA stehen der ‚multipolaren Ordnung‘, wie sie China und Russland verstehen, allein gegenüber und werden von den Europäern aus dafür noch normativ als “ unsaubere globale Macht“ kritisiert, genauso von der UNO, zum Teil berechtigt, zum Teil nicht.

Diejenigen, die immer gar nichts machen, können nichts falsch machen, sondern kommentieren von der Seitenlinie aus, meistens nur Äußerungen von Trump.

Das Trumpbashing ersetzt kluge und mutige Außenpolitik. Das Politainment der Medien ist übervoll davon.

Die voreilige Absage ohne Not „es ist nicht unser Krieg“ (Pistorius) führt dann zur späten Erkenntnis “ aber unser Problem“.

Die neopatrimoniale Funktionsverschiebung (siehe den Blog vom 1. März 2026) im Weißen Haus führt gewiss auch dazu Experten durch Vertraute und Diplomaten durch Amateure zu ersetzen (siehe den Blog Schwierige Verhandlungen vom 23.4.26).

Kritik und Selbstkritik sollten jedoch zusammenspielen statt unproduktives Politiktheater auf den nationalen und internationalen Bühnen aufzuführen, das persönlichen Eitelkeiten von führungsschwachen Spitzenpolitikern, Skandalen und Wahlen geschuldet ist.

Über- und Unterpersistenz

Grundsätzlich verfehlt scheint mir die Moralisierungstendenz in Gujers Argumentation, so wenn er davon spricht, dass sich in der erläuterten instabilen Konstellation der Weltpolitik „die Skrupellosesten“ durchsetzen. Er nennt das den „Putin- Effekt“.

Die Moral in der Welt und in der Politik ist weder mehr noch weniger geworden. Machiavelli, der in diesem Zusammenhang häufig zitiert wird, hätte sich die technologische Macht, militärische Gewalt und geheimdienstliche List der Moderne nicht einmal vorstellen können.

Putin, Xi oder Trump, die nicht gleichzusetzen sind, mit dem ‚Principe‘ zu vergleichen ist geradezu weltfremd und führt genauso wie historische Großanalogien zur Scheingenauigkeit (siehe zum Beispiel Westad, Der kommende Sturm, 2026).

In einer Weltordnung mit geschwächten außenpolitischen Begrenzungsmechanismen setzen sich nicht einfach die Skrupellosesten durch, sondern jene Akteure, die Außenrisiken besser externalisieren und dabei gleichzeitig Innenkosten beherrschbar halten können.

Hierbei gibt es einen Unterschied zwischen autoritär-diktatorischen Systemen und nicht autoritären demokratischen Gemeinwesen.

Die autoritär-diktatorischen Systeme können zwar Kriege länger durchhalten, dafür ist ihre Fehlerrevisionsfähigkeit schwächer.
Umgekehrt können nicht-autoritäre Systeme oft schlecht durchhalten, dafür ist die Fehlerkultur besser.

Ein autoritär-diktatorisches System kann bis zum ‚Untergang‘ heroisch durchhalten, was wir aus der deutschen und japanischen Militärgeschichte kennen.

Jedoch ist zwischen Durchhalten als Stärke und Durchhalten aus militärisch-politischer Starrheit zu unterscheiden.

Fanatismus mit dem Rücken zur Wand kann gefährlich werden für die ganze Welt, heute umso mehr aus technologischen Gründen im Unterschied zu den herkömmlichen Untergangspropheten, die man aus der Geschichte kennt.

Die verdrängte Apokalypse ist real geworden und kein Hirngespinst. Sachlicher Alarmismus speist sich nicht aus irrationaler Angst.

Autoritäre Ordnungen riskieren Überpersistenz, nicht-autoritäre Ordnungen Unterpersistenz.
Das liegt in der Natur ihrer politischen Systeme, die ideologisch unterfüttert sind.
Bei außenpolitischen Konflikten ist dies relevant und kann bedrohlich werden.

Für Europa könnte das heißen:
Man erkennt die Bedrohungen durchaus, etwa durch den alltäglich gewordenen hybriden Krieg in den baltischen Staaten, der Achillesferse der Nato gegenüber der russischen Bedrohung.

Der Ernstfall für die Litauen-Brigade rückt näher und wird in ‚Wargames‘ durchgespielt. Die Ergebnisse bleiben unter Verschluss.

Es entsteht ein typisches Muster, das mit großen Worten „Zeitenwende“ und normativen Zielen „stärkste konventionelle Armee Europas“ beginnt und sodann – über Kosten, Zielkonflikte und Verteilungsfragen – sich wieder zur Innenpolitik verwandelt, die letztlich über die mentale und militärische Stärke entscheidet.

Das führt zur allmähliche Umwandlung strategischer Ziele in verwaltbares Politikhandeln mit Zeitverzögerung und vernachlässigter Feinstrategie.
Operative Zurückhaltung wird geübt trotz sprachlicher Entschlossenheit, die übertreibt oder abwiegelt.

Das ist die typische Form europäischer Unterpersistenz.


Bildnachweis: Agentur Medienlabor / AI