Interventionen in Südamerika sind nichts Neues. Sie haben eine lange Geschichte.
Bei denjenigen, die sich schon über Ronald Reagan empörten wie heute über Trump könnten seine Interventionen im Karibikstaat Grenada 1983 ohne UN- Mandat und Panama 1989/1990 (Just Cause) noch in frischer Erinnerung sein. Letzteres war die größte Luftlandeoperation seit dem 2. Weltkrieg.
In beiden Fällen kam es zum Sturz der Regierung. Die Begründung indes war eine andere als heute in Venezuela und morgen vielleicht in Kolumbien, Mexiko oder Kuba, was weniger gut wäre. Mit Mexiko findet die gemeinsame Fußballweltmeisterschaft statt.
Und Kuba wird sich wehren „bis zum letzten Blutstropfen“.
Venezuela
Aktuell wird mit der Donroe-Doktrin und Einflusssphären argumentiert – die entschlossene Militäraktion in Venezuela als Blaupause für mehr? Sicher auch als Botschaft an die Welt wie schon der Einsatz im Iran gegen seine Atomanlagen, an der Seite Israels. So viel ‚Weltpolizei‘ auf einmal war selten. Die Entwaffnung der Hamas und der Krieg gegen die IS-Terroristen in Syrien und Nigeria, die dem Westen den Krieg erklärt haben, kommen hinzu.
Das sind mitnichten „Hooligan-Methoden“.
Die USA haben erstmals einen Kriegsminister und das stärkste Militär der Welt. Darauf kommt es an, wenn Dominanz in der westlichen Hemisphäre und in Lateinamerika, das erklärte Hauptziel ist.
Mit der Neuen Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS) scheint schon wieder – wie nach 1989 und 2001 – ein „neues Zeitalter“ angebrochen. Politiktheoretisch haben wir es mit einer Hobbes-Welt der Wölfe zu tun, in der nach Hobbes eigener Logik theoriekonsequent lediglich ein ‚Weltstaat‘ als irresistibler Super-Leviathan für Ordnung sorgen könnte.
Den gibt es zum Glück nicht. Was heißt dann aber noch ‚Ordnung‘ in der Welt?
Wer sorgt dafür?
Die USA ist nur ein besonders großer und starker Wolf.
Wie sollen die friedensgewohnten Europäer (Kant-Welt des ewigen Friedens) auf Trumps neue Welt, die zuerst die Amerikaner kennengelernt haben, reagieren? Nun folgen, zum Teil selbst für die MAGA-Welt, überraschende außen- und weltpolitische Konsequenzen, insbesondere in der primären Konkurrenz mit China. Auch in Südamerika wird dies gerade deutlich.
Die Neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA von Ende 2025 teilt die Welt in drei hauptsächliche Einflusszonen:
A) Die westliche Hemisphäre: die USA beanspruchen Dominanz von Alaska bis Feuerland. Das ist Einflussgebiet, welches unangefochten bleiben soll.
Daraus folgen wiederum unterschiedliche Erwartungen an regionale Sicherheitsakteure.
B) Von Europa wird erwartet, dass die Europäer und Russland selbst Verantwortung für die regionale Sicherheit übernehmen. Die USA als wohlwollender Hegemon ziehen sich zurück, brechen aber nicht mit dem Verteidigungsbündnis der Nato, welches für die nötige Abschreckungsfähigkeit gegenüber Russland sorgt. Deshalb sind auch Schweden und Finnland der Nato beigetreten.
Siehe auch den Blog vom 2. Januar „Europa als geopolitischer Akteur?“.
C) Asien: die USA anerkennt den wachsenden Einfluss Chinas als Großmacht an, sieht ihn aber durch von der USA definierte Grenzen (?) als kritisch an und bereitet sich politisch-militärisch darauf vor, beim Überschreiten roter Linien (?) mit einer Art ’neuer Nato‘ (Südkorea, Japan u.a.) einzugreifen.
Gegenüber der Taiwan-Frage, die für China und Russland eindeutig beantwortet ist, herrscht seit Biden ’strategische Ambiguität‘.
Die weltpolitisch gefährlichste Front ist sicherlich das strategische Bündnis Russland-China, das gezielt ausgebaut wird, unter Einschluss Nordkoreas, das seine gefährlichen Raketen, die Südkorea und Japan existentiell bedrohen, weiterentwickelt und an der Seite Russlands in den Ukraine-Krieg militärisch eingegriffen hat.
Der vorläufig noch Kalte Krieg der Großmächte um Einflusszonen nimmt Fahrt auf.
Der von Journalisten, Linken, Grünen und Teilen der SPD geforderten schnellen Verurteilung des Völkerrechtsbruchs mit dem Coup in Caracas folgen Merz, Wadephul und Laschet nicht. Wadephul sucht nach Worten für die „komplexe Lage“, er erwähnt von deutscher Seite aus erstmals geopolitische Motive in einer Region, in der Russland, China und Iran um Einfluss ringen.
Er spricht zurecht von einem größeren Rahmen, in dem die Ereignisse zu. betrachten sind. Das Völkerrecht sei nur einer von mehreren Aspekten. Für die Ukraine, die Eindämmung der russischen Bedrohung und die europäische Sicherheit braucht Deutschland Trump.
Diese Einsicht steht über allem.
Auf die Intervention in Venezuela, folgt Trumps Drohung, „Grönland für die eigene nationale Sicherheit“ zu brauchen – ein zweiter Paukenschlag. Verbunden ist er mit der Herabsetzung des kleinen Nato- Mitglieds Dänemark, das ein großer und zuverlässiger Unterstützer der Ukraine war und ist: es könne die größte Insel, die sechsmal so groß wie Deutschland ist, ohnehin nicht verteidigen.
Grönland
Dänemark wird brüskiert. Aber wird damit die Nato infrage gestellt?
Übertreibung und Überforderung stehen nahe beieinander in den heutigen schnellen Diskursen, wo Politik mit den Medien gespielt wird.
Zur unbequemen Wahrheit gehört auch, dass nur die USA die Insel verteidigen können und würden, wenn erneut ‚grüne Männchen‘ wie bei der Krim 2014 auftauchen würden.
Die USA verfügt über einen einzigen, sehr wichtigen Stützpunkt (Pituffik) auf der einwohnerarmen Insel. Sie haben aufgrund von Verträgen, deren Wurzeln zum Teil schon im 2. Weltkrieg liegen, bereits weitgehende Handlungsspielräume. Weitere Militärbasen sind möglich, was auch den Interessen der Grönländer nicht widersprechen muss.
Die USA fürchten jedoch, nicht ganz zu Unrecht, ins Hintertreffen zu geraten im Kampf um die Arktis, der schon lange im Gange ist. Russland hat seine Präsenz in der Arktis ausgebaut, China ist an einer polaren Seidenstraße interessiert.
Grönland hat sicherheitspolitisch (Raketenfrühwarnung, Weltraumbeobachtung, logistisch) wie rohstoffpolitisch (Uran, Seltene Erden u a.) eine große Bedeutung und tatsächlich viel zu bieten. Darüber hinaus geht es um künftige Schifffahrtsrouten im Zuge des abschmelzenden Eises.
Es gibt deshalb eine angespannte Lage in der Nato, welche das Treffen der Koalition der Willigen aus 35 Ländern mit den US-Gesandten Witkoff und Kushner in Paris am 6. Januar überschattet. Diese Fragen müssen klugerweise innerhalb der Nato und zwischen den USA, Dänemark und den Europäern geklärt werden. Ein Jünger Trumps (Miller), der dessen Rhetorik noch übertrifft, wird sie nicht zu entscheiden haben.
Trump wird Dänemark ein Angebot machen. Und die 57.000 Grönländer müssen natürlich zustimmen können. Die Europäer wiederum bemühen sich, auf einer Linie mit Trump und Selenski zu bleiben, was eine Gratwanderung ist.
Dazu kommt, dass die „amerikanische Übernahme“ Grönlands für sie möglicherweise militärstrategisch jetzt und für die Zukunft von größtem Vorteil wäre. Da sollte man ehrlich und realistisch bleiben und nicht die moralische Heuchelei, die in der Politik ohnehin schon grassiert, noch weitertreiben.
Aber wie werden die Grönländer Bindestrich-Amerikaner? Mit welchen Verfahren und Rechten? Ein Referendum steht ihnen zu. Vielleicht kann es Außenminister Rubio mit diplomatischem Geschick und Geld richten. Wir werden sehen.
Es gibt indessen auch europäische Dissonanzen und Differenzen, nicht zuletzt zwischen Frankreich und Deutschland, die beide innenpolitisch gelähmt sind. In Deutschland ist davon die Rede, dass der „Außenkanzler“ sich der Wirtschaft zuwendet, nachdem der „Herbst der Reformen“ sich als Mythos erwiesen hat. Wachstum ist die „Schicksalsfrage der Nation“ (Spahn)
Der Wirtschaftskanzler im Wahlkampf will 2026 endlich wieder „Wirtschaftskanzler“ werden. Macron seinerseits, der keine Mehrheit mehr im eigenen Land hat, will wieder mit Putin reden. Beide inszenieren sich symbolisch als „Anführer Europas“.
Das Statement der Europäer, 7 Staaten, just im Vorfeld des Pariser Treffens fällt verbal stark und deutlich gegen die Annexionsansprüche der USA aus, was Trump verärgern könnte. Auch Kanzler Merz hat schließlich nach kluger Zurückhaltung unterschrieben.
Es ist eine durchaus ungewöhnliche Erinnerung unter Nato-Partnern, wie wichtig gerade für kleine Staaten die Verteidigung des Völkerrechts, die Genfer Konventionen und die UN – Charta sind: Grönland und Dänemark allein haben zu entscheiden und nicht eine Großmacht und deren Interessen – Macht vor Recht! Man kann es nicht oft genug wiederholen.
Iran
Nun kommen noch die Massenproteste im Gottesstaat Iran hinzu, anfänglich gegen die katastrophale wirtschaftliche Lage, dann zunehmend gegen die politische Führung von Religionsführer Chamenei, dem man den Tod wünscht. Der Sohn des ehemaligen Schahs steht schon bereit.
Von einem neuen 1989 ist die Rede. Die europäische Reaktion ist auffällig still. Es wird lieber gegen die amerikanische Außenpolitik gewettert, auch vom deutschen Bundespräsidenten, als gegen das Mullah-Regime. Man könnte viel mehr tun.
Wir warten auf Trump und entwickeln keine eigene politische Handlungsagenda.
Die iranische Armee, auf deren Verhalten es ankommt, schwört auf das Regime. Die Situation ist brenzlig wie noch nie. „Es ist wie Krieg.“
Trump droht, nicht auf die Demonstranten schießen zu lassen; Musk stellt sein Starlink für das fehlende Internet zur Verfügung, es durchbricht die staatliche Zensur. Ein militärisches Eingreifen wird vorbereitet und zurecht befürchtet. Verhandlungen als Krisenausweg werden so zumindest möglich.
Die Fanatiker ihrerseits drohen dem inkarnierten „Teufel“ mit Vergeltungsschlägen. Der Machtkampf eskaliert von innen wie außen. Der Machtapparat geht mit brutaler Gewalt gegen die Protestierenden in 185 Städten vor. Schon vorher hatte man es mit einer brutalen Diktatur zu tun, die mit Todesurteilen nicht zögerte.
Ukraine
In Bezug auf die Ukraine sodann will man endlich etwas Konkretes vorlegen, dabei geht es weiterhin im Kern um Gebietsansprüche und die Sicherheitsgarantien im Falle eines Waffenstillstandes, auf den Russland sich bisher nicht einlässt.
Zahlreiche weitere Angriffe werden vielmehr gezählt, nicht einmal ein kurzer Weihnachtsfrieden, wie noch im brutalen 1. Weltkrieg, wurde trotz flehender internationaler Appelle erreicht.
Die Europäer sind auf die Amerikaner angewiesen, die ein Sicherheitsversprechen gegeben haben. Erhebliche Details sind jedoch noch zu klären, auf die es militärisch ankommt (Luftüberwachung, ‚intelligence‘, Stationierung von Bodentruppen wo mit welcher Robustheit); außerdem gjbt es ein Tauziehen zwischen Trump und Selenski über die Länge der Sicherheitsgarantie. Wird sie Nato- Qualität haben?
In der Ukraine selbst finden zudem gerade heikle Personalrochaden an der politischen Spitze statt. Die Entlassung des erfolgreichen Geheimdienstchefs Maljuk sorgt für Unruhe im Militär. Die Korruptionsaffären haben Konsequenzen.
Deutschland schließt sich in Paris den treibenden Kräften Großbritannien und Frankreich an: Kanzler Merz schließt nichts aus, sagt aber auch nichts Konkretes verbindlich zu. Der Bundestag und seine politischen Mehrheiten werden entscheiden müssen.
Am 6. Januar, Weihnacht des orthodoxen Russlands, besucht Putin den Gottesdienst in der Kirche Sankt Georg, des Großmärtyrers. Es ist mehr als Symbolpolitik, Putin mit krankem Gesicht, hält die kurze Ansprache, dass die russischen Soldaten „eine heilige Mission im Auftrag Gottes“ erfüllen würden.
Er will den Krieg gewinnen, den Trump beenden möchte. Nach der strategisch gescheiterten Vollinvasion der Ukraine, einschließlich des geplanten raschen Regimewechsels in Kiew, beharrt Putin auf seinem Minimalziel Donbass. Das ist sein primärer Punkt. Solange es hier nicht weitergeht, wird es auch nicht zu einem Waffenstillstand kommen.
Der Einsatz der zweiten atomar bestückbaren Mittelstreckenrakete Oreschnik im Westen der Ukraine, in der Nähe der polnischen Grenze, ist auch als Antwort auf Trump zu lesen. Kurz zuvor hat die USA auf offener See zwei Öltanker der russischen Schattenflotte festgesetzt.
Medwedew, ein potentieller Nachfolger des kranken Putin, stellt eine Verbindung zu Venezuela her.
Ist es bloß verbales Säbelrasseln wie schon so oft? Das Gesicht von Medwedew, des ehemaligen Staatspräsidenten jedenfalls, hat sich sichtbar verhärtet. Auch in den Gesichtern der Macht kann man lesen.
Zwei brutale Kriege am Rande des Weltkrieges spielen sich gleichzeitig ab: die militärisch gezielte humanitäre Energiekatastrophe in der Ukraine und die Anakonda-Strategie Chinas gegenüber Taiwan, das abwehrbereit ist.
Jalta I und Jalta II
Es zeichnet sich erneut eine Aufteilung der Welt in Einflusssphären ab. Dabei wird deutlich, dass die Zeit der USA als unangefochtene Supermacht vorbei ist. Jedenfalls die Zeit, in der die USA die ganze Welt als ihre Einflusssphäre betrachtete, in der auch die europäischen Illusionen einer regelbasierten Weltordnung entstehen konnten. Die Bundesrepublik war ihr Musterschüler.
Für die Europäer ist die neue Weltlage primär nicht deshalb misslich und prekär, weil Einflusssphären in Südamerika verloren gehen, sie waren ohnehin von eher untergeordneter Bedeutung, obwohl das Mercosur-Abkommen mit fünf südamerikanischen Staaten, das demnächst in Paraguay endlich nach 26 Jahren Verhandlung unterzeichnet werden soll, auch wieder Perspektiven eröffnet.
Viel problematischer ist jedoch, dass Europa nicht nur Einflusssphäre der USA ist, wie bisher schon, sondern auch einem neoimperialistischen Russland ausgesetzt ist, das seine Interessen mit aller Macht vorantreibt, wie der Ukraine-Krieg drastisch zeigt, während die USA mit angezogener Handbremse aus Furcht vor einem Weltkrieg (Biden) agiert.
Und Trump meint als neutraler Vermittler den Krieg, sozusagen auf der persönlichen Ebene mit dem Kriegsherrn Putin beenden zu können. Siehe den Blog Trump trifft Putin in Alaska vom 16. August 2025.
Die russländische Föderation seinerseits ist, wie Präsident Obama ebenso treffend wie kränkend festgestellt hat, keine Großmacht mehr wie zu Zeiten der Sowjetunion, was Putin als KGB-Offizier in Deutschland erlebt und als größte „geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hat.
Wenn Trump eine Art Jalta ll anstrebt, dann wird die russländische Föderation kein Teil der Mächte in der ersten Reihe sein. Den Europäern fiele die Aufgabe zu, Russland wirtschaftlich, politisch und militärisch niederzuringen, was geschehen müsste, wenn die Ukraine im Verteidigungskrieg nicht untergehen und eine europäische Aufbauperspektive mit robusten Sicherheitsgarantien haben soll.
Sollte dies nicht geschehen, wird es möglicherweise ein ’nordkoreanisiertes‘ Russland geben, das seinen Machtstatus nur noch mit militärischen Mitteln aufrechterhalten kann. Das russische Imperium bröckelt an den Rändern, der lange Krieg wird zunehmend unpopulär und die wirtschaftlichen Kosten für die Bevölkerung spürbar höher.
Als Wirtschaftsmacht mit einer Rohstoff-Extraktions-Wirtschaft würde es nicht mehr in der ersten Liga spielen, allenfalls als Juniorpartner von China noch eine Rolle spielen. Dazu kommen die demographischen Probleme, um die das Putin-Regime weiß. Das wäre dann eine Macht, die als expansive Großmacht nur dann auftreten kann, wenn dies Europa aus Schwäche und Angst zulässt.
Trumps überraschender Maduro-Coup ist für Europa eine missliche Nachricht, ebenso die russische und chinesische Reaktion darauf.
Das historische Jalta nach dem 2. Weltkrieg – 4. bis 11. Februar 1945: Stalin, Churchill, Roosevelt – war formalisiert. Die Einflusssphären wurden akribisch festgelegt, zum Teil sogar in Prozenten von Territorien.
In einer Jalta-II-Welt bedeutet ‚Lösung‘ fast immer ein Management von Unvereinbarkeiten. Der Preis für eine Lösung wird überwiegend vom Grenzstaat bezahlt. In einer solchen Welt wird ein Überlappungskonflikt wie der Ukraine- Krieg nicht gelöst, indem eine Seite die universelle Regel durchsetzt, sondern indem die Großmächte und maßgeblichen Regionalmächte eine handhabbare Grenzziehung für den umstrittenen Raum definieren. Das wird mit Abschreckung und/oder Monitoring begleitet, so dass es nicht gleich wieder kippt.
Typischerweise ist das Ergebnis ein Waffenstillstandsregime und nicht ein gerechter Friede, was immer das ist. Jalta II bezeichnet, oft warnend, die Rückkehr dieser Sphärenlogik. Pufferstaaten bezahlen den Preis dafür: nämlich Neutralisierung, Finnlandisierung, Regime-Engineering und eingefrorene Konflikte.
Konflikte werden derart eher ‚abgegolten‘ als prinzipiell gelöst. Es existieren ein regionaler Primat und externe Zurückhaltung. Die Jalta-II- Welt besteht mithin vorwiegend aus informellen Regeln.
Europa als Pentarch?
Der Politikwissenschaftler Münkler plädiert dafür, nicht einer regelbasierten Ordnung, die nicht mehr durchzusetzen ist, nachzutrauern, sondern eine neue Ordnung aufzubauen. Er nennt sie Pentarchie: die Großen Fünf als Hüter dieser Ordnung sind Europa vor allem neben den USA, China, Russland und Indien. Kanzler Merz hält sich gerade in Indien auf mit einer großen Wirtschaftsdelegation. Deutschland wird dort als „beliebt, aber machtlos“ wahrgenommen.
Deutschland soll in der Konstellation der Pentarchie wieder einen Platz in der Welt politisch gezielt anstreben: “ Statt über den Bruch des Völkerrechts zu klagen, sollen die Europäer daran arbeiten, dass ein solches Fünfersystem entsteht, in dem die außer Rand und Band geratenen Mächte sich wieder in eine regulierte Struktur einfügen, die als ‚Ordnung‘ bezeichnet werden kann“, so Münkler (‚Welt online‘).
Die Idee ist gut, aber Wünsche und Realitäten sind zweierlei. Man muss an eine Idee glauben können, um sie tatkräftig zu realisieren.
Ich glaube, dass bei dieser Ideenpolitik die Handlungsfähigkeit (der politische Verstand) und die Handlungsmächtigkeit (wirtschaftliche und militärische Stärke) der Europäer überschätzt wird.
Das Problem einer neuen verlässlich friedlichen Weltordnung ist deutlich komplexer als der Takt der Pentarchie: wirtschaftlich-demographisch, kulturell-religiös und politisch- militärisch. Siehe auch den Blog Pentarchie oder Anarchie? vom 19. Dezember 2023.
Dennoch führt auch und gerade die massiv manifeste Rückkehr von militärischer Macht und roher Gewalt zu einer nötigen Komplexitätsreduktion. Alle Faktoren werden nun im Hinblick auf ein Mehr oder Weniger von Macht bewertet. Es herrscht die nackte Sprache der Macht ohne Heuchelei.
Im Zuge dessen findet gleichzeitig mittlerweile eine große und rasante Zeitenwende durch die Militarisierung der Köpfe und Industrie statt – unwillkürlich und breit! Die tiefgreifend problematischen Seiten dieser Entwicklung wollen wir hier nicht diskutieren, lediglich dieses Faktum, das uns bewusstseinsmäßig überfordert, hervorheben.
Nicht zuletzt dadurch kommt auch wieder die Geographie (der großen unbekannten Welt) beziehungsweise der Raum und die Geopolitik aufdringlich und prioritär ins Spiel. Daher lässt sich auch sagen: der Atlantik wird geopolitisch zum Mare nostrum, und die amerikanische Einflusssphäre führt entlang der polnischen Grenze, zum Glück für Europa (Monroe plus).
In zehn Jahren wird Europa vermutlich geostrategisch gewichtiger sein. Aber unwahrscheinlich ist, dass es ohne US-Schutzschirm existenzsicher auskommt.
Geldausgaben für die Verteidigung und Bedrohungsdruck steigen zwar, aber Zeit, Integration und die strategischen Fähigkeiten skalieren langsamer.
Sei es mit eigener gemeinsamer Armee, die schon einmal scheiterte an der französischen Nationalversammlung 1954; sei es mit E 3 als neuer Avantgarde (Deutschland, Frankreich, Großbritannien), sei es mit E 5 (Polen und Italien stoßen noch dazu), sei es im D-7-Format: EU, GB, Japan, Südkorea, Australien, Neuseeland und Kanada. Letzteres war der Vorschlag des ehemaligen Nato-Generalsekretärs Rasmussen.
Einen strategischen Aufstieg wird es bei allem selbstverschuldeten Abstieg wohl wieder geben, da nun viel Geld für Militär ausgegeben wird und der Trend strukturell geworden ist. Der historische Nato-Gipfel in Den Haag hat ihn etabliert. Das war ein massiver Pfadwechsel, die EU baut inzwischen eine industrielle und beschaffungsseitige Sicherheits-Architektur auf, was geostrategisch relevant ist.
Der Ukraine-Krieg hat die Bedrohungsperzeption und die nötigen Prioritäten gehärtet. Die EU will bis 2030 verteidigungsfähig werden, während die Ablösung vom US-Atomschirm unwahrscheinlich ist. Die wichtigsten Fähigkeitslücken sind nicht Panzer, sondern sogenannte ‚Enablers‘.
Diese strukturellen Abhängigkeiten von den USA sitzen besonders tief bei der Aufklärung, der Überwachung und dem Targeting ebenso beim strategischen Lufttransport, der Luftbetankung sowie der integrierten Luft- und Raketenabwehr. Dazu kommen die digitalen Netzfähigkeiten und die zunehmende Bedeutung des Weltraums für die Kriegsführung. Bei letzterem ist ein Wettrennen zwischen China und USA im Gange – á la Hobbes hoch drei.
Diese Fähigkeiten aufzubauen ist zentral, teuer und technologisch anspruchsvoll. Dafür benötigt es Serien und nicht bloß Beschlüsse, die in liberalen Demokratien an sich schon schwierig zu erzielen sind. Fortschritte gibt es, aber insgesamt sind sie zu langsam für die gegenwärtige strategische Lage. Die politische Entscheidungsfähigkeit ist Europas Engpass.
Europa wird wehrhafter, aber nicht im Sinne voller strategischer Autonomie. Hier gilt es realistisch und ehrlich zu bleiben.
Deshalb ist ein interessengeleiteter Pragmatismus im Verhältnis zu den USA und anderen Bündnispartnern so wichtig bei allen Reibungen, die gut sind, solange es nicht zur Spaltung von überlebenswichtigen Allianzen kommt.
Bildnachweis: IMAGO / Anadolu Agency