Trumps neue Welt II

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Alles dreht sich um ihn, den ’neuen König‘.

Nach einem Jahr zweite Amtszeit hält er die Welt in Atem, fast täglich – wirtschaftlich wie politisch.

Seine Politik in einer Person, welche die Tricks des Reality-TV bestens kennt und mit der Demütigung seiner Teilnehmer arbeitet, ist sicherlich ein Faktor seiner überragenden Macht-PRÄSENZ.

Für die Medien gibt Donald Trump viel her in Bildern und Sprüchen.

Sie vervielfachen seine Wirkung, sie leben davon, es ist ihr Geschäftsmodell, das er nutzt, indem er sich mit ihnen anlegt. Sie springen über jedes ‚Stöckchen’/ jedes schnelle Wort/ jeden Post ….

Es gibt Leute, die schaffen Fakten, und es gibt Faktenchecker, die kaum noch hinterherkommen. Wir versuchen in diesem Blog einige Fakten zur Kenntnis zu nehmen, das ist schwer genug. Dazu machen wir uns eigene Gedanken zum Weiterdenken mit mehr Fragen als Antworten.

Denn das Spektakel und Twittern ist nicht alles. Es handelt sich um den 45. und 47. Präsidenten der USA, der einzigen Supermacht, die nach dem historischen Epochenbruch in Ost und West nach 1989 übriggeblieben ist.

Das Kabinett von W. George Bush mit Rumsfeld, Rice und Powell war noch einmal besonders ehrgeizig in Bezug auf die Weltgeltung der USA.

Inzwischen sprengt der Aufstieg Chinas alle Dimensionen, und die neue Sicherheitsstrategie von ‚America First‘ trägt dem seit 2025 deutlich Rechnung.

Den Europäern bleibt nur noch übrig, „gute Vasallen zu sein“. Das historische transatlantische Bündnis, die“ heilige Verpflichtung“, von der Präsident Biden sprach, wankt in seinen Grundfesten, und das in einem historischen Moment, wo sich Europa mit der Ukraine an vorderster Front gegen einen neuen Imperialismus Russlands verteidigen können muss, der sich nicht nur den Donbass, sondern „Neurussland“, die Südukraine mit Odessa, einverleiben will.

Mit dem Konflikt um das riesige Grönland, das strategisch zweifellos bedeutsamer geworden ist, spitzt sich nun, sozusagen der interne westliche Konflikt mit den Europäern gefährlich zu (ebenso wie die Auswirkungen des Klimawandels).

Die Europäer sind wirtschaftlich und sicherheitspolitisch noch mehr abhängig. Auch das ist eine schwerwiegende Tatsache. Weltpolitisch sind sie kein relevanter Akteur, der Fakten schafft, nicht einmal im Nahen Osten. Der Aufstand im Iran zeigte und zeigt wieder ihre außenpolitische Bedeutungslosigkeit, die sie mit Worten kompensieren.

Während Trump seine eigene Auslegung von „Responsibility to protect“ ( R2P, seit 2005 eine internationale Norm) demonstriert mit einer Armada um den Flugzeugträger Abraham Lincoln (23.Januar). Er droht dem brutalen iranischen Regime mit einem Militärschlag, die Instrumente stehen bereit. Israel und Saudi-Arabien raten ab, da sie einen Flächenbrand befürchten.

Mahnende Worte allein helfen niemandem. Darauf hat auch Selenski in seiner sowohl verzweifelten („es hat sich nichts verändert seit meiner letzten Rede in Davos“) als auch enthusiastischen Rede („Europa muss Weltmacht werden!“) hingewiesen, indem er das Beispiel der Massenproteste in Belarus 2020 erwähnte, wo heute Oreschnik-Raketen stationiert sind, die Europa erreichen.

Während Trump in Gaza Fakten schafft und in Konkurrenz zur Uno einen „Friedensrat“ etabliert. Es stimmt, dass die Uno am Ende ist, aber Trump als „Weltpräsident“ auf Lebenszeit ist ein schlechter Witz.

Eine Tragödie hingegen ist, was mit den wehrhaften Kurden in Syrien passiert unter Mithilfe von Erdogans autokratisch-autoritärer Türkei (Nato-Mitglied!), die den IS bekämpft haben.

2014 gab es ein „Window of opportunity“ für einen kurdischen Staat. Jetzt gerade verlieren sie möglicherweise wieder alles.

In Berlin demonstrieren Kurden, Jesiden, Aleviten, Drusen und Juden – Minderheiten, die sich verraten sehen und den Schutz von US-Soldaten benötigen. Es ist eine Tragödie, die sich auf Deutschlands Straßen überträgt. In Deutschland leben mehr als eine Million Syrer und Kurden.

Die Europäer sind indes mit der Frage vollauf beschäftigt, ob sie wegen Grönland einen Handelskrieg mit den USA riskieren sollen, wozu sie befähigt sind. Oder ist in Davos am Weltwirtschaftsforum noch einmal ein Kompromiss möglich?

Im Vorfeld gab es genug Worte von kompetenter Seite, die zu denken geben. So vom ehemaligen Generalsekretär der Nato Rasmussen, der selbst Däne ist. Für die Europäer findet er einmal mehr deutliche Worte.

In Davos sprechen am ersten Tag von der Leyen, die vor einer möglichen „Abwärtsspirale“ für das Bündnis warnt, und der französische Staatspräsident Macron, der mit „Donald“ in Syrien und Iran mitgeht, nicht aber bei Grönland.

Macron erinnert zurecht an die Lehren aus dem 2.Weltkrieg und beklagt eine ‚Welt ohne Regeln‘ und des Völkerrechtsbruchs, wie so viele!

Von der Leyen stellt eine neue Arktis-Strategie in Aussicht und findet Zölle unter Verbündeten falsch.

Wird Trump nicht nur mit Zöllen, sondern auch mit der Nato drohen, was noch weniger gut wäre, das ist die Frage. Er ist kein Freund der Nato, obwohl er gerne so daherredet.

Trump ist enthusiastisch auf dem Weg nach Davos: „Wir sind jetzt die Nummer Eins im Universum, mit Abstand!“ (auf X, 21. Januar 2020). Sechs Jahre später reist er mit der größten Delegation, die das WEF je gesehen hat, ins winterliche Davos. Mit seinem Auftritt rettet er auch das WEF.

Zum beherrschenden Grönland-Thema ist der internationale Friedensrat, den er am Donnerstag vorstellen möchte, hinzugekommen. Natürlich wird er als Geschäftsmann auch und vor allem um Investoren werben.

Der 21. Januar wird ein spannender Tag.

Was wird der Fokus der Rede sein?

Rede in Davos

Die lange, über einstündige Rede hatte einen innenpolitischen Bezug, der auf die Amerikaner zielte. Im November sind Kongresswahlen und einmal mehr wurde wahlkämpferisch die großartige Bilanz vorgetragen im Vergleich zu „sleepy Joe “ bzw. der schlechtesten Regierung ever.

Das ist der ewige Wahlkampf mit viel Selbstlob. Der erste Maßstab ist das Wirtschaftswachstum, natürlich auch im Vergleich zu Europa, das er nicht mehr „wiedererkenne“.

Das Geld in Europa sei vor allem in die Massenmigration gesteckt worden, es „gehe in die falsche Richtung“, auch energiepolitisch. Sein Hass auf Windräder erinnert an die Tiraden von Alice Weidel: „Reißt sie ab“.

Die Bekämpfung der Inflation und die Bekämpfung der illegalen Einwanderung in seinem Land hebt er besonders hervor. Auch die erfolgreiche Bekämpfung der Kriminalität in den Städten, insbesondere in der Hauptstadt Washington, lobt er überschwänglich.

Die ‚radikale Linke‘ und die ‚Städte für sichere Häfen‘ (sanctuary cities, rund 200 Städte und Gemeinden seit 1979, Los Angeles) sind seine Feinde, die er “ hasst“. Selbst die offensichtlich brutale Arbeit der ICE lobte er ausdrücklich. Das harte erbarmungslose Durchgreifen und die Stärke des Militärs auch im Kampf gegen den Drogenhandel sind seine neuen Markenzeichen geworden. Innere und äußere Sicherheit in der westlichen Hemisphäre stehen im Vordergrund.

Den staatlichen Beamtenapparat hat er massiv gekürzt, nicht ganz so weitgehend wie Milei und seiner Imitation durch Musk. Die Steuern hat er gesenkt. Wohnungseigentümer will er fördern, und Wohnungen bezahlbar machen. Die Kredite will er kürzen.

Von der wirtschaftlichen Stärke und der inneren Sicherheit hängt letztlich auch der Dominanzanspruch in der westlichen Hemisphäre ab. Wenn es den USA gut geht, geht es der Welt gut, so Trump selbstbewusst. Auch der Schweiz geht es gut, weil sie an den USA verdient. Das Handelsdefizit spreche eine deutliche Sprache, das habe er der “ Dame“, gemeint ist Bundesrätin Keller-Sutter, beizubringen versucht.

Die USA schütze die anderen Länder, es komme aber nichts zurück, sondern sie werde nur ausgenutzt. Damit sei jetzt Schluss.

Kurze Erinnerung dazwischen

2001 hatte Europa nach 9/11 den USA allerdings die „unbedingte Solidarität“ zugesichert, das sollte man nicht vergessen: „Der Westen wird auch am Hindukusch verteidigt“ (Struck).

Beim Irak-Krieg, ‚Iraqui freedom‘, konnte Verteidigungsminister Rumsfeld, der ein „altes und neues Europa“ unterschied, Außenminister Fischer an der Münchner Sicherheitskonferenz nicht überzeugen, und Kanzler Schröder, der bei ‚Enduring freedom‘ und Afghanistan solidarisch mitging, sagte selbstbewusst und richtigerweise Nein.

Das war Deutschland als „erwachsene Nation“(Schröder) und für einmal nicht als braver Musterschüler oder betonter „Freund“ unter Freunden (kuschelig wie Merkel und Obama, die einander ausspionieren ließen).

Schon damals, 2003, sprach man von der „Spaltung des Westens“, zumal auch Frankreich als Missionskonkurrent nicht mitging. Siehe dazu die neue Einleitung zur zweiten Auflage der „Religion des Bürgers“: von der atlantischen Zivilreligion zur Krise des Westens (2004).

Wichtig ist, dass man jeden Konflikt und jeden Krieg für sich analysieren und beurteilen kann. Das stärkt die konkrete Urteilskraft und führt zu einem Mindset, das Selenski bei den Europäern politisch schmerzlich vermisst: die “ Fähigkeit zum rechtzeitigen, entschlossenen und mutigen Handeln“, so in seiner Davoser Rede, die eine schonungslose Abrechnung war:

Sie reden viel und liefern wenig, sie moralisieren und handeln nicht. Die Kunst des Handelns und das Handwerk der Freiheit, sich entscheiden zu können (wollen und müssen), ist schon im Alltag oft schwierig und wird in der Politik noch weit wichtiger und schwieriger (Diskurs und Dezision). Handeln unter unsicheren riskanten Bedingungen und Zeitdruck erfordert Mut, vor allem bei übernommener demokratischer Verantwortung (demokratischer Dezisionismus).

Inzwischen sprengt der Aufstieg Chinas alle Dimensionen, und die neue Sicherheitsstrategie von ‚America First‘ trägt dem seit 2025 deutlich Rechnung. Inzwischen wird sogar Kanada – wie absurd! – zum Feind, weil China mit Elektroautos näher rückt. 100 % Zölle lautet die US-Antwort, was weder wirtschaftspolitisch noch außenpolitisch klug ist.


Nach einer neuen Umfrage sehen 61% der Deutschen Trump als Bedrohung für Deutschland. Das ist eine schlechte Nachricht, die den Kreml freuen wird.

Antiamerikanismus, an dem freilich Trump und die fanatischen MAGA- Anhänger nicht unschuldig sind, verführt zu fatalen politischen Argumentationen aus der ideologischen Mottenkiste.

Der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson sieht Zeichen der Dekadenz nicht nur in der mangelnden Verteidigungsfähigkeit in Europa, sondern ebenso darin, dass die Zinsen für die Staatsschulden in den USA höher sind als die Ausgaben für die Verteidigung. Das ist allerdings ein starker Indikator.

„Ich will nur ein Stück Eis“

Trump kam nur langsam und ausschweifend zur Grönlandfrage, die er deutlich beantwortete, was man von der Rede erwartet hatte, die keine gute Rede war.

„Dänemark sei undankbar“. Die USA hätten es schon einmal gerettet vor den Nationalsozialisten und dann nach dem Sieg wieder zurückgegeben. Jetzt hätte er nur eine „kleine Bitte“, gebt uns dieses „Stück Eis“.

Gepachtetes Land würde man nicht so verteidigen wie sein eigenes Land. In der Tradition von Louisiana (1803), womit sich die Landfläche verdoppelte, und Alaska (1867), welches der größte Bundesstaat ist, will er es kaufen.

Er fordert unverzügliche Verhandlungen über eine amerikanische Übernahme. Militärische Gewalt sei nicht vorgesehen. Es gehe nicht um Bodenschätze, sondern um die Verteidigung Grönlands gegenüber Russland und China. Das sei im Interesse der ganzen Nato und der Weltsicherheit.

Er würde die Nato verteidigen, er sei aber nicht so sicher, ob die Nato-Länder die USA verteidigen würden, sinnierte Trump. Die USA sei von der Nato „nicht fair behandelt“ worden.

‚Dankbarkeit‘ und ‚ Fairness‘ sind seine moralischen Kategorien.

Die Lage der europäischen Nationen sieht er mit Sorge, wirtschaftlich kulturell und militärisch. Er hält sie, wie sein Vize Vance, nicht für stark und wehrhaft. Das ist sicher. Selbstbewusste Demokratien sind sie ebenso wenig wie Amerika noch ein demokratisches Vorbild ist, wozu Trump selber viel beigetragen hat, füge ich hinzu.

Die Zivilreligion der Gewinner ist auf amerikanischer Seite. Der Vorsprung der USA ist in der Waffentechnologie zum Beispiel immens, Trump erwähnt die F 47. Die abschließenden Worte der Rede waren im Sinne dieser Zivilreligion der Gewinner, die schon den Faschismus und Kommunismus besiegt hatte (siehe den Blog vom 27. Januar 2025).

Sie ist neuerdings berauscht vom Fortschritt der neuen Technologien, die eine Zukunft schaffen werden (Musk), welche die Welt – maßlos und grenzenlos – noch nie gesehen habe. Die Pioniere dieses Fortschritts säßen in diesem Saal, sagte Trump.

Ihnen verkündete er, die USA seien zurück, stärker denn je!

Verfall des westlichen Bündnisses?

Sorgt gleichzeitig die Führungsnation des stärksten Militärbündnisses der Geschichte für dessen Zerstörung? Ist das nicht widersinnig angesichts der Gefahren, die in Europa beschworen werden? In einem Moment, wo es Frieden in der Ukraine dringend braucht.

Die besondere Stärke der USA in der Welt beruht auf ihrem Bündnissystem. Weder China und schon gar nicht Russland haben Vergleichbares. Den richtigen Ton im Umgang mit den USA von Trump beherrscht zurzeit nur die italienische Ministerpräsidentin Meloni. Marc Rutte bezeichnet Trump in Davos als „Anführer der freien Welt“, wie Selenski schon früher. Er meint, auf ihn sei Verlass.

Trump jedoch gebärdet sich wie Roi Ubu. Offenbar gibt es niemanden in seiner Entourage, der ihn zurückhalten kann. Am Ende müssen das die Amerikaner selber tun. Das Hauptproblem ist, dass jede Lösung für jedes Problem, das Trump aufwirft, nicht nur der Übertritt Grönlands in die USA, ein Mindestmaß an Berechenbarkeit in Handlungen und Abkommen voraussetzt, das nicht mehr gewährleistet scheint.

Welcher Deal würde wirklich halten? Auch in der Wirtschaft funktionieren Deals nur mit Vertrauen und Zuverlässigkeit.

Das gehört zur neuen Weltunordnung, sie ist ein unberechenbarer Dschungel. Im Dschungel werden jedoch keine Deals abgeschlossen.

Wenn die USA das Vertrauen ihrer Verbündeten verlieren, wird dies ihren Status als Weltmacht mindern. Die Kunst der Römer war es, ihre eigenen Bundesgenossen bei der Stange zu halten – als gute Vasallen, nicht als Sklaven. Dies ist ihnen besser gelungen als ihren Rivalen: parcere subjectis, et debellare superbos – das macht Trump gerade nicht

Er zerstört vielmehr die Bande der amerikanischen Zivilreligion als potenzielle ‚Weltzivilreligion‘ (Bellah 1967/1986, S.38) mit der Locke’schen Ziviltheologie „God given the Natural rights“. Sie war stark, indem sie politische Differenzen und Ressentiments, die es zwischen Europa und Amerika immer gab, überbrücken konnte und das Bündnis für Freiheit und Demokratie eine internationale Strahlkraft und bindende Wirkung hatte.

Der Religionssoziologe Robert N. Bellah, der die Zivilreligionsforschung begründet hat, schrieb seinen Aufsatz nach der Antrittsrede des jüngsten Präsidenten der amerikanischen Geschichte John F. Kennedy 1961, als die Probleme der Welt lösbar schienen trotz des Atomzeitalters, vor dem man sich fürchtete.

Die chinesische Universalharmonie könnte diese spezielle, historisch gewachsene ‚Transkonfessionalität‘ beerben, nicht nur für den globalen Süden und seine Philosophie der selbstbestimmten Entwicklung, sondern als ruhiger lächelnde Dritter im Streit zwischen den USA und Europa.

Der Wirtschafts- und Bevölkerungsriese China ist an Stabilität interessiert, denkt selbstbewusst in großen Linien, kann Widersprüche verarbeiten und verfügt über einen großen geistigen Fundus.

Die USA verlieren die große Legitimationserzählung und schaffen Raum für „das Mandat des Himmels“ aus China. Der selbsterklärte ‚Friedensstifter‘ Trump („wir haben acht Kriege beendet“) bekommt so vermehrt Konkurrenz durch den ‚ Friedensstifter‘ China, auf den man allerdings auch im Ukraine-Krieg immer wieder vergeblich gehofft hatte. Auch mit den Hoffnungen gilt es deshalb zurückhaltend zu sein. Die Hofferei vernebelt den politischen Verstand. Nüchterner Realismus, der auch schmerzlich sein kann, ist besser.

Immerhin: zwei große diplomatische Erfolge hat der „spirit of dialogue“ von Davos bewirkt.

Am Mittwoch- Abend verkündete Nato-Generalsekretär Marc Rutte nach einem Gespräch mit Trump, dass dieser die Zollforderungen an die europäischen Länder wieder zurücknehme. Der Widerstand der Amerikaner, selbst der Republikaner, spielte wohl für diesen Rückzieher auch eine Rolle.

Und am Donnerstag-Abend nach einem einstündigen Treffen mit Trump sprach Selenski von einem Durchbruch bei den entscheidenden Sicherheitsfragen. Die Verhandlungen im Dreier-Format werden in Abu Dhabi wieder aufgenommen. Am 1. Februar werden sie weitergeführt trotz unvermindert massiver russischer Angriffe auf die Energieinfrastruktur. Kann die USA zwischen den konträren Positionen noch vermitteln?

Ist es Rutte gelungen, die Grönland-Frage zu entschärfen, so dass das Bündnis nicht mehr infrage steht? Hat er das zweite Mal die Nato knapp gerettet? Oder schwelt der destruktive Streit weiter?

Was die USA bieten können

Auch wenn die alte, historisch sehr erfolgreiche Legitimation ‚Freiheit und Demokratie‘ (versus ‚Frieden und Sozialismus‘ im Kalten Krieg) mit dem Missionsvokabular der amerikanischen Zivilreligion erodiert, bleibt der Angebotskatalog der USA enorm:

Nur VERSCHIEBT er sich vom Universalismus der Menschenrechte (Kennedy 1961, Weltzivilreligion als Projektion) zu einem Bündnis auf Markt- und Machtpaketen, teils offen transaktional.

SICHERHEIT WIRD ZUR WARE: als Abschreckung, Atomschirm, ‚Enablers‘ ( siehe auch den Blog vom 6. Januar).

Die USA können weiterhin – schnell und konkret – im westlichen Bündnis das liefern, was in dieser Breite niemand kann, nämlich globale Machtprojektion, nukleare Abschreckung, Aufklärung, Netze und Logistik.

Finanziell ist das unterfüttert, wenn auch problematisch (Staatsschulden!). Unter Trump werden diese Leistungen indessen EXPLIZITER ALS VERSICHERUNG GEGEN PRÄMIE GERAHMT („Allies should pay for protection“).

Für die Partner heißt das: Nicht die Rhetorik der Wertegemeinschaft – Zivilreligion der höchsten Werte, die nicht mehr weiter begründbar sind und politische Differenzen sowie Ressentiments, die es zwischen den USA und europäischen Ländern immer gab, über- brücken (buchstäblich die Transatlantikbrücke) können, sondern ein pragmatischer Sicherheitsservice mit Preisetikett innerhalb der westlichen Hemisphäre gilt fortan. Wenn Kanada sich China (oder umgekehrt) annähert, gilt das selbst für Kanada!

Neben Sicherheit als Ware (1.) kommt die Geldmacht (2.) hinzu: Dollar, Finanzinfrastruktur, Sanktionierbarkeit. Die USA bieten und erzwingen weiterhin den Zugang zum wichtigsten Finanz-Ökosystem der Welt. Der Dollar liegt bei rund 56-58% der ausgewiesenen globalen Währungsreserven, weit vor dem Euro und RMB.

Das ist keine Moral, sondern Infrastrukturmacht in Form von Zahlungswegen, Kapitalmärkten und juristischer Reichweite.

‚Brics‘ treiben währenddessen die Alternativen zur Dollardominanz strategieorientiert voran.

Und drittens (3.) natürlich ist das Betriebssystem der Globalisierung in Form von Markt und Technologien zu beachten.

Selbst wenn Washington protektionistisch (entgegen der liberalen Philosophie des Freihandels) wird, bleiben der US-Markt, die Technologieplattformen und die Standards (Software, Cloud, Chips, KI- Ökosystem, Venture-Kapital) ein Magnet.

Das Angebot lautet dann unter diesen Bedingungen weniger ‚ Weltordnung‘ (was immer das heißt) als: Zugang gegen Regeln/ Compliance und im Konfliktfall: Ausschluss.

(4.) Kommt die Energiepolitik als starker Hebel neu dazu: LNG und Exportdominanz. Europa hat sich nach 2022 stark auf US-LNG gestützt. Studien zufolge bezieht es Ende 2025 59% der LNG – Importe aus den USA und wird damit erpressbar (project power).

(5.) Das Bündnis, selbst wenn es politisch angeknackst ist, bleibt schließlich ein großer NETZWERKVORTEIL. Auch bei politischer Erosion und fatalen politischen Diskursen liefern US-geführte Koalitionen weiterhin Interoperationalität innerhalb der Nato (auch für die Schweiz), Geheimdienstverbund, Rüstungsökosystem und weltweite Stützpunkte. Das ist ein Mehrwert, den Russland und China nicht realisieren können.

(6.) Das neue Narrativ lautet entsprechend: westliche Hemisphäre, Sphärenlogik (Jalta II) und Deals.

Dieses Ersatz-Meta-Angebot ist kein moralisch-politischer Universalismus mehr, sondern ein ORDNUNGSMODUS, mithin kein Bund und kein Bündnis als theologisch-politische Kategorien, da nun die westliche Hemisphäre strategisch klar priorisiert ist und der Handel als Bindemittel sowie Sicherheitsgarantien als Transaktion verstanden werden.

Das ist TRUMPS NEUE WELT.

Bannon lobt Trump als Perikles

„The White House has described Trump‘ s Davos Trip as a resounding success, and Trump’s ally Steve Bannon praised the president’s adress as „the greatest speech since Pericles in Athens“ (WSJ, 23. Januar). Oha, Bannon hat Thukydides gelesen! Man soll Rechte nicht unterschätzen, das ist ein Grund ihres Erfolgs. Bannons Lob ist aufschlussreich.

Wenn man die Revolution von Rechts bekämpfen will, darf man sich nicht ‚rot-grün‘ verdummen lassen.


Literatur:

John Locke. Works, 11. Auflage London 1822, Aalen 1963

Robert N. Bellah, Zivilreligion in Amerika (1967), in: Kleger/ Müller, Religion des Bürgers, Zivilreligion in Amerika und Europa, München 1986, Münster 2004

Robert N. Bellah, Religion und die Legitimation der amerikanischen Republik (1976), in: Kleger/ Müller (Hg.), Religion des Bürgers, München 1886, Münster 2004

Kleger/ Müller, Religion des Bürgers. 2. Auflage, Münster 2004 mit einem neuen Vorwort:

Kleger/ Müller, Von der atlantischen Zivilreligion zur Krise des Westens, 2004

Heinz Kleger, Vom Bund zum Bündnis, von der amerikanischen zur atlantischen Zivilreligion? In: Religion und Zivilreligion im Atlantischen Bündnis, hrsg von Werner Kremp/ Berthold Meyer, Atlantische Texte, Bd. 14, Trier 2001, S.91- 111.

Bildnachweis: Agentur Medienlabor (AI)