Das, was in den ersten Tagen des Irankrieges die Revolutionsgarden an realem Krieg, einschließlich der Blockade der Meerenge von Hormus, ausführen, haben sie bereits während der Verhandlungsrunden in Genf drohend angekündigt.
Am 5. Tag lautet die vordringliche bange Frage in Europa, wie lange der Krieg noch dauern wird angesichts seiner bereits spürbaren wirtschaftlichen Auswirkungen. In Deutschland hatte sich gerade die Wirtschaft etwas erholt nach zweijähriger Rezession und langsames Wachstum zeichnete sich ab und schon wieder droht eine Konjunkturkrise vor allem wegen der steigenden Energiepreise: “ Es ist besorgniserregend“ (Linnemann).
Die „Populisten“ von allen Seiten rufen nach „Vater Staat“, der alle Fährnisse abfedern soll.
Unterschiedliche Realitäten
Das ist die eine Realität, die andere ist der neue Krieg, der sich ausweitet mit weltpolitischen Folgen. Der Iran nimmt auch die Golfstaaten ins Visier, insbesondere Dubai und Bahrain. Das Geschäftsmodell der Ölmonarchien ist gefährdet.
Israel, auf der anderen Seite, kämpft so lange, wie es nötig ist, um eine existentielle Bedrohung langfristig beseitigen zu können, wofür jetzt eine einmalige Chance besteht. Davon hat Netanjahu geträumt und eine Mehrheit der kriegsgeschüttelten Bevölkerung steht in diesem Fall sicher hinter ihm. Für ihn ist es auch ein Tor für einen „breiteren Frieden“ in der Region. Das wäre die konstruktive Hoffnung.
Der Krieg hat sich auch wieder auf den Libanon ausgeweitet, da die mächtige Hisbollah, ein Staat im Staat, an der Seite der iranischen Mullahs Israel erneut vom Süden her angreift. Israel seinerseits greift Hochburgen der Gotteskämpfer direkt in Beirut an und schickt Bodentruppen mit mobilisierten Reservisten in den Libanon, der als fragiles Staatsgebilde diesen Krieg nicht überleben wird.
Israel will und wird überleben mit amerikanischer Unterstützung, das ist amerikanische Staatsraison. Die israelisch-amerikanische Zusammenarbeit könnte nicht enger sein: politisch, technologisch und militärisch sowie auf Geheimdienstebene.
Der israelische Tarnkappenkampfjet, der das Radar unterfliegen kann, ist eine Weiterentwicklung der F 35 mit amerikanischer Erlaubnis. Die technisch einmalige Raketenabwehr sodann, von der wir in Europa profitieren können, hat sich einmal mehr sensationell bewährt. Die Warnstufe ist inzwischen herabgesetzt.
Aber auch die effektive Enthauptungsstrategie des 78-mal kleineren Israel stößt im großen Iran an Grenzen.
Was aus dem Iran und der komplexen Region werden wird, ist weit weniger sicher und im Moment nicht vorauszusehen. Der Expertenrat in Ghom, vom Wächterrat kontrolliert, hat mit Chameinis 56-jährigem Sohn Mojtaba einen radikalen Nachfolger gewählt, der als Hardliner bekannt ist. Er hat in Ghom Theologie studiert und gelehrt, ist aber selbst kein hochrangiger Geistlicher.
Länge und Erwartungen des Krieges
Zwei Fragen interessieren aktuell vor allem: Kommt es zu einem Regimewechsel im Iran oder bloß zu einer Modifizierung des Regimes, und wie lange wird der Krieg noch dauern? Letzteres betrifft alle, innenpolitisch auch die Amerikaner. Die Mehrheit der Amerikaner ist nicht für den Iran- Krieg, der voller Risiken ist und viel kostet. Vance, der Trump-Nachfolger, macht sich politisch schon Sorgen um die MAGA-Basis.
Die beeindruckenden militärischen Erfolge, von denen der großtönende Kriegsminister als „historisch“ spricht, können das nicht aufwiegen. Eine Machtdemonstration war kürzlich zweifellos die Versenkung des größten iranischen Kriegsschiffes in der Nähe von Sri Lanka im indischen Ozean, weit weg vom Iran, von der das Pentagon gezielt einzigartige Bilder veröffentlicht hat. Hegseth triumphiert.
Die Revolutionsgarden beschissen daraufhin amerikanische Tanker vor Kuwait.
Trump spricht bezüglich der Länge von vier Wochen. Er und sein Kriegsminister Hegseth widersprechen sich. Die Blockade in der Straße von Hormus will Trump mit Kriegsschiffen und Luftwaffe aufbrechen. Das wird allerdings auch für die überlegenen Amerikaner militärisch schwierig werden, denn die Revolutionsgarden sind für diesen speziellen Fall gerüstet und trainiert. Erinnert sei an den Brand des Supertankers ‚Bridgeton‘ 1987.
Konsistenz ist nicht die politische Strategie, und Militär nicht die Kompetenz von Trump. Er könnte schnell wieder auf Verhandlungen einschwenken, ohne dass auch nur im Ansatz demokratische Strukturen im Iran geschaffen sind.
Die Märkte der Wirtschaft wiederum hoffen auf die versprochene schnelle Auflösung der Blockade, für sie ist es vor allem eine Zeitfrage, die „Drecksarbeit“ (Merz im Juni 2025) können andere machen.
Die iranische Bevölkerung bejubelt in Teheran auf Balkonen die Befreier, so wird berichtet. Zugleich herrscht Angst vor Repression und Chaos. Einen Zivilschutz in Bunkern gibt es lediglich für Eliten und das in der 18 Millionen Stadt Teheran, die unter Dauerfeuer steht. Dazu kommen die Kollateralschäden des Luftkrieges. Zu welchem Widerstand motivieren sie? Zu welchem Durchhalten auf welcher Seite?
Von außen ist das schwierig zu beurteilen. Die allgemeinen Befürchtungen und Risiken kennen wir, seitdem es den für Zivilisten verheerenden überlegenen Luftkrieg auf Städte gibt. Auch über Bodentruppen lässt sich von außen trefflich streiten nach der Lehre von Clausewitz ´Den Krieg denken`, dass Kriege letztlich am Boden entschieden werden.
Die Amerikaner erwägen dafür kurdische Truppen aus dem Nordirak einzusetzen, welche die stärkste erfahrene militärische Kraft im Iran sind. Erbil ist von den Irakern beschossen worden.
Ist das eine gute realistische Idee?
Die Kurden sind in Syrien fallengelassen worden. Und die Türkei, die nach allen Seiten vermittelt, will kein ’nation building‘.
Der Iran wiederum ist ein konsolidierter Vielvölkerstaat.
Will man das ändern?
Die islamische Revolution ist am Ende
Der Nahost- Kenner Gilles Kepel sieht die islamische Revolution, die 1979 begann, am Ende (FAZ, 5. März, S.11). Die ideologische Dimension des Islamo-Gauchismus, in Frankreich gut bekannt, der sehr wichtig war, sei zusammengebrochen. Sie hatte eine antiimperialistische Ausrichtung gegen den „großen Satan“ (USA) und den „kleinen Satan“(Israel).
Die schiitische politische Religion spielte eine Rolle wie die spezielle Staatsideologie des Iran, was der brutale und verlustreiche Krieg zwischen dem sunnitischen Irak Saddam Husseins (mit seinem ‚Panarabismus‘) und der Vision des Iran als Führungsnation des Islam von 1980 bis 1988, der eine Million Menschenleben kostete, drastisch zeigte – ein Konflikt, der für Außenstehende nur schwer zu begreifen ist.
Die iranische Theokratie hat eine republikanische Fassade (Regierung und Parlament), sie ist eine Hülle mit einem internen Machtkreis, der die bewaffneten Kräfte kontrolliert und über große wirtschaftliche Macht verfügt. Der Iran ist größer und komplizierter als Venezuela.
Allein die Schlagkraft der fanatischen Revolutionsgarden ist geblieben. Der Chameini-Sohn steht Ihnen nahe und ist im 88-köpfigen Expertenrat von ihnen portiert worden. Sie werden noch Schaden anrichten in der Region, bis die Amerikaner Stopp sagen, das ist das Kalkül.
Die Frage für Kepel ist, ob es lediglich zu einer Regimemodifizierung kommen wird und die Revolutionswächter dafür genügend Macht anhäufen können, um scheinbar moderat verhandlungsbereit zu sein, um die Rückkehr des Schahsohns Reza Pahlavi zu verhindern, der in der iranischen Exil-Diaspora beliebt ist.
Der Machtkampf mit ihnen wird nicht ausbleiben und kann im schlimmsten Fall in einem blutigen Bürgerkrieg enden.Oder bestenfalls in einem koordinierten und schrittweisen demokratischen Übergang, wofür die arbeitsteiligen israelisch-amerikanischen Militärschläge erste Voraussetzungen schaffen (nach 47 Jahren!).
Wofür es aber auch eine souveräne Übergangskraft braucht, die von außen anerkannt und unterstützt werden sollte und zumindest die Opposition bündeln kann.
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