Revolution von rechts

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Das Buch von Hans Freyer (1887-1969) „Revolution von rechts“ aus dem Jahr 1931 ist neu aufgelegt worden, und zwar in den „Quellentexten zur konservativen Revolution“ (2021, Band 5).

Das ist umso interessanter, als der Historiker und Philosoph, der 1925 den ersten deutschen Lehrstuhl für Soziologie in Leipzig innehatte, sehr gut weiß, dass „alle bisherigen Revolutionen von links gewesen sind“(S. 8): sie sind „von unten geführt und von oben verursacht worden“.

Nicht weniger unsentimental als Marx spricht Freyer über das 19. Jahrhundert und die „härteste Erfahrung des europäischen Geistes“, den modernen Kapitalismus (S. 9). Seitdem ist die Revolution in Europa in einen chronischen Zustand getreten als Epoche der „permanenten Revolution“, die nicht zur Ruhe kommt (aufgrund der Krisen des Kapitalismus?).

Wie für Kommunisten wird somit die „Wirklichkeit selbst “revolutionär, an deren Spitze der Bewegung sie sich selber setzen wollten ohne Dogma und Doktrin. „Diese materialistische Philosophie“(der Geschichte), dialektisch hartgesotten, hat die Revolution von links „zum erstenmal hundertprozentig begriffen“ (S. 11), konzediert Freyer.

Man fühlt sich an die Sätze aus dem Kommunistischen Manifest (1848) erinnert, an die Lehre von der Geschichte als einer Geschichte von Klassenkämpfen, die Rolle des Proletariats als Subjekt der Revolution, alles in hegelschen Gedankenfiguren ausgeführt. In der „echten Revolution“ spitzt sich das Geschehen „hegelisch-aristokratisch“ zu (S. 13). Das wird auch für die gewollte Revolution von rechts, auf andere Weise gelten.

Marxistisch antimarxistisch

Freyer unterscheidet ebenso wie Marx Revolution von bloßer Kritik (Kritik als Theater, die kritische Kritik). Marx wird sogar prominent zitiert (S. 16). Das erste Kapitel schließt Freyer folgerichtig mit der Definition von Revolution ab, als Vorbereitung darauf, was mit Revolution von rechts, als einer „neuen Front“ gemeint sein könnte. In ihr ist die Zeit „zerrissen“ in ein „Ja und ein Nein“, die Gesellschaft ist zu einem „Schlachtfeld zweier Welten“ geworden (S. 18). Man muss sich entscheiden.

Danach folgt das Kapitel „Das neunzehnte Jahrhundert liquidiert sich selbst (S. 18-35). Erst danach beginnt die „Verständigung über die Begriffe ‚Volk‘ und ‚rechts‘ (S. 36ff), vor dem letzten Kapitel „Emanzipation des Staates, Emanzipation des Menschen“(S. 56-72).

Mit Marx behauptet Freyer, dass das 19. Jahrhundert nur „materialistisch“ zu begreifen ist. Es ist das Jahrhundert des Klassenkampfes und für alle Zeiten der „Klassizismus der Revolution von links“(S.19). In dieser Zeit entsteht die „industrielle Gesellschaft“, auf die der Soziologe Freyer genauer eingeht.

Worauf später seine Schüler (Leipziger Schule) weiter aufbauen. Aus Philosophen werden Soziologen – „Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft“: Soziologie als Suche nach der Wirklichkeit (Helmut Schelsky), der in den 60er Jahren eine Diskussion über Technokratie auslöst so wie Arnold Gehlen eine über das ‚posthistoire‘ der „kristallin“ gewordenen modernen Industriegesellschaft. In der Politik nannte man es „formierte Gesellschaft“.

Die industrielle Gesellschaft ist nicht auf „gewachsenem Boden“ gegründet, sagt Freyer, sondern „schwebt frei“(S. 20). Sie steht auf nichts anderem als auf der Berechnung der Materien und Stoffe, aus denen sie gebaut ist. Als Lebens-Philosoph schrieb Freyer eine „Ethik des bewussten Lebens“ unter dem bezeichnenden Titel „Antäus“ (1918).

Der unbesiegbare Riese aus der griechischen Mythologie bezog seine Kräfte aus Mutter Erde, Gaia. Herkules konnte ihn nur besiegen, indem er ihn in die Luft hob und erwürgte. Diese Lebensphilosophie ist zu beachten hinter der Revolution von rechts, die dieser Abschnürung von den erdverbundenen Kräften, die durch die gesellschaftliche Entwicklung vorangetrieben wird, subjektiv und massenhaft entgegenstehen will. Das ist ihr attraktiver Mythos.

Bezüglich der Gesellschaft spricht Freyer durchaus marxistisch von der „Ware Arbeitskraft“, die keine echte Ware ist, aber käuflich wie die „Wahrheit, der Staat, der Mensch“, die sich nicht auf Ökonomie reduzieren lassen (S. 23). Der Arbeiter wird zum Feind des Systems und zum Repräsentanten der Emanzipation des Menschen. Die Sozialpolitik rettet ihn vorübergehend über des einzige „Stück Staat“, das nicht liberal verdünnt ist (S. 26). Das ist originell ausgedrückt.

Die Arbeiterschaft jedoch wird „eingeordnet“ in den „Bau aus lauter gesellschaftlichen Interessen“. Die Geschichte wird zum Fortschritt, die Revolution verschwindet (S. 34f). Das ist nicht die politische Welt von Freyers Revolution: die Welt von Bourgeois und Citoyen, Interessenvermittlung, Sozialpolitik und Nationalstaat. Die Revolution von rechts eröffnet vielmehr eine neue Front von Volk und Staat.

Volk und Staat

In der gesellschaftlichen Welt, die Freyer beschreibt, ist der Mensch kein Subjekt mehr, sondern „Konsument und Arbeitskraft“(S. 47). Zwei Konzepte, die nun auffällig in den Vordergrund treten, emanzipieren ihn: ‚Volk‘ und‘ Staat‘, zwei Kollektivbegriffe, die von rechts ausgefüllt werden. Das Volk wird Gegenspieler der industriellen Gesellschaft (S. 49). Was aber heißt hier Volk?

Das Volk ist das „neue Prinzip, das sich auf dem Boden der industriellen Gesellschaft bildet“(S. 50). Dieses Volk entsteht als Subjekt der rechten Revolution. Es ist mehr als Nation im bürgerlichen Sinne,von Nationalstaat spricht Freyer nur einmal, von Ethnos nie, eher denkt er an „Volksgeister“(S. 52).

Das verstehen wir heute nicht mehr. Es ist das neue „revolutionäre Prinzip“, das dunkel und unbestimmt bleibt. Die Richtung jedoch wird klar benannt, sie heißt: „rechts“(S. 54). Das Volk ist dabei weder vielfältiger Demos noch soziologische Gesellschaftsklasse. Es ist keine Fortsetzung der Revolution von links, weder demokratisch noch revolutionär. Um die Erweiterung der Demokratie geht es nicht.

An dieser Stelle wird Freyer explizit, indem er ausführt, dass dieses Links nichts mit dem alten Links (Revolution) und Rechts (Reaktion) zu tun hat. Das Volk nimmt die industrielle Gesellschaft zwar in Besitz, übernimmt aber nicht ihr Prinzip. Für diese Besitzergreifung funktionieren die Kategorien der Gesellschaft nicht (S. 54). Das ist aufschlussreich auch für heute.

Stattdessen kommt (endlich) die positive Bedeutung von rechts ins Spiel, nämlich der Staat, der sich emanzipiert. Wovon? Von der Beute der Interessen und als neutraler Vermittler, wir sagen zum „Führerstaat“ und zur „Diktatur“, was nicht die Worte von Freyer an dieser Stelle sind.

Sicherlich handelt es sich bei ihm nicht um den liberalen Staat, den Rechtsstaat, den bürgerlichen Nationalstaat oder die liberale Parteiendemokratie.

Freyer definiert den Staat vage und allgemein als „freies Wesen“, das die Revolution von rechts in sich aufnimmt“(S. 55). „Jede geschichtliche Lage erzeugt ihren Staat“(S. 59), das ist zunächst der historische Begriff des Staates. Das erwachende Volk wird sodann Staat, das ist die politische Revolution von rechts (S. 61), wenig konkret, aber deutlich.

Es ist eine „revolutionäre Einswerdung von Volk und Staat“(S. 64). Freyers Text ist kein ansteckendes Manifest, sondern bleibt eher abstrakt und schwierig. Er wirkt unauffällig auf akademischen Wegen und doch wirksam im damaligen Klima der Zeit, insbesondere an den Universitäten. Wahrscheinlich ging es darum, den Begriff der Revolution für die ‚Jungkonservativen‘ und ‚Nationalrevolutionäre‘ neu zu besetzen. Das ist gelungen.

In dieser kollektiven Revolutionssymbiose des Volkes ereignet sich die „Emanzipation des Menschen“(S. 68) – nicht „abstrakt-juristisch“, sondern „konkret-politisch (S. 71), in und mit der Masse, der Bewegung und ihrem Führer, wie wir von heute aus sagen würden.

Konservative Revolution

Freyer war überzeugter Nationalsozialist. Nach dem Krieg wurde er noch einmal. bekannt mit seiner „Theorie des gegenwärtigen Zeitalters“(1955). Von Zeitaltern sprach er gerne, auch in der Revolution von rechts. Er war jedenfalls in der neuen Nachkriegszeit, der Adenauerzeit, angekommen, auch mit der Fortführung seiner Analyse der industriellen Gesellschaft als Technikphilosophie.

Hermann Lübbe sprach treffend von „der resignierten konservativen Revolution“. Seine Schü!er Gehlen und Schelsky, beide Mitglieder der NSDAP, wurden bekannte Soziologen dieser Zeit, die Themen von Freyer weiterentwickeln. Selbst Intellektuelle lancieren sie die Kritik an den linken Intellektuellen.

„Konservative Revolution“ indessen ist kein Titel von Freyer, sondern stammt von Armin Mohler (Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein Handbuch, dritte, um einen Ergänzungsband erweiterte Auflage 1989, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, mit einer umfassenden Bibliographie).

Damit ist weder eine Schule noch eine Partei gemeint, sondern es sind verschiedene Elemente bzw. Köpfe, Gruppen, Kreise und Bünde, die Mohler unter seiner Sammelbezeichnung vereinigt. Ursprünglich ist es eine Dissertation bei Karl Jaspers 1949 in Basel.

Mohler (1920-2003) spricht bezeichnenderweise von „Trotzkisten des Nationalsozialismus“. Dazu gehört der ‚Entrismus‘ in Parteien und Organisationen. „Die kluge Spinne im neurechten Netz“(Peter Glotz) ist heute selber zum Lehrer einer neuen Generation von rechten Revolutionären geworden, vor allem durch sein Wirken in München und Paris, wo er 1953-1961 lebte (siehe auch Kleger, Extremes politisches Denken, in: Michael Zantke, Bewaffnete Intellektuelle. Die Bedeutung Machiavellis für den Nationalsozialismus und die Konservative Revolution, Potsdam 2017).

Freyer gehört dazu. Er wird erwähnt S. 417 und im Ergänzungsband S .59 neben anderen bekannten Köpfen wie Carl Schmitt, Spengler, Jünger, Niekisch sowie zahlreichen, heute weniger Bekannten aus verschiedensten Gebieten auch der Kunst und Literatur, die Mohler minutiös auflistet.

Mohler erklärt Georg Sorel (1847-1922), der sich ursprünglich als Marxist verstand, zum „Erzvater der konservativen Revolution“, neben Nietzsche, „Ewige Wiederkehr“(Ergänzungsband, S. 31ff), womit wir das aktuelle Feld der neuen Rechten abseits des Nationalsozialismus betreten. Sie will als ‚Querfront‘ das liberale Links-Mitte-Rechts-Schema überwinden. Schon Sorel bewunderte sowohl den Bolschewismus als auch den Faschismus. 

Es geht um eine dritte Front gegen die sakrosankte Mitte einer sozial-liberalen Ordnung, die von Befriedung, Ausgleich und Kompromiss lebt (das, was Freyer als das „Soziale“, „christlich Säkularisierte“ analysiert hat). Dieses Unterfangen wird publizistisch von einer verbreiteten Liberalenbeschimpfung von Mohler bis Alain de Benoist und Alexander Dugin vielsprachig längst international begleitet. Junge Leute und neue Namen stoßen dazu, auch in der „Jungen Freiheit“, wo man das in Deutschland einigermaßen mitverfolgen kann.

Kulturrevolution von rechts

Alain de Benoist (geb. 1943) ist ein Schüler und Freund von Mohler. Seine Schrift „Kulturrevolution von rechts“ (Krefeld 1985, Neuauflage Europaverlag Dresden 2017) begründet den Neustart der Neuen Rechten (Nouvelle Droite, ND): „Die alte Rechte ist tot, sie hat es verdient,“ lauten ihre ersten Sätze (S. 29). Gestorben ist sie an Denkfaulheit, sie hat keine Vorstellung von „positiver Selbstkritik“ (S. 40).

Von der erfolgreichen Linken könnte sie lernen, was Theorien und Ideen bedeuten. Kein wirksames Handeln ohne präzise Begriffe, davon kann heute wieder die Linke lernen in ihrem ‚Kampf gegen Rechts‘. Auch aus diesem Grund sollte man Benoist heute noch einmal lesen, was wir schon in den 80er Jahren taten, als es ’nur‘ um den Neokonservativismus in seinen verschiedenen Facetten ging. Heute geht es um mehr, die Situation hat sich umgekehrt: Aus Links ist Rechts geworden (Vance).

Benoist bringt den revolutionären Konservativismus (den er vom ‚Reaktionären‘ unterscheidet) mit dem „positiven Nihilismus“ von Nietzsche zusammen und demonstriert, was es heißt, von Gramsci zu lernen.
Antonio Gramsci (1891-1937), der Mitgründer der KPI/PCI und der Tageszeitung L’Unita ist seine große Empfehlung (siehe Gefängnishefte, 10 Bde., Hamburg 1991-2002).

Das Kapitel „Die kulturelle Macht“ ist seiner politischen Theorie und ihren grundbegrifflichen Unterscheidungen (Zivilgesellschaft, politische Gesellschaft, Staat) gewidmet (S.65ff). Jeder erfolgreichen Revolution geht eine langfristige Eroberung der Geister voraus, 1789 ist der Prototyp dafür. Mit Gramsci sagt man heute, modisch dazu: Eroberung der kulturellen Hegemonie, und redet schnell von Kulturkämpfen. Dabei war und ist Aufklärung eine lange und beharrliche Zeit.

Oder: Der ‚politische Frontalangriff‘ erntet die Früchte des ‚ideologischen Stellungskrieges‘. Dieser besteht in der alltäglichen demokratischen Auseinandersetzung um Worte, Begriffe und Ideen, die selbstverständlich sein muss. Dabei ist der Alltagsverstand, der senso commune/ Common sense genauso gefragt und wichtig wie die Rolle der Intellektuellen, deren Begriff und Rolle Gramsci zurecht weit fasst.

Schon der katholische Gegenrevolutionär de Maistre (1753-1821) sprach von „Metapolitik“ als Metaphysik der Politik. Deren Grundlagen will die Neue Rechte auf die neuen Beine ihrer Ideenpolitik stellen, die keine kurzfristig-atemlos gewordene Parteienpolitik ist – jenseits von Traditionalismus und der Action francaise von Maurras. Das „Problem der Probleme“ ist der Egalitarismus (Mohler, Benoist).

Dafür öffnet Benoists fulminante Schrift viele Fenster. Auf ihr Niveau der Argumentation muss man kommen, wenn man den Rechten wirksam begegnen will. Es geht um den demokratisch aufgeklärten Common sense und entscheidende politische Mehrheiten.

Mythen als Vehikel des Kampfes

Das extreme politische Denken sucht nicht nach Maß und Mitte, es wendet sich vielmehr mit Selbstüberschätzung und Arroganz gegen das Establishment. Zunächst mit auffälligen Tabubrüchen und gezielter Inkorrektheit, was heute wieder mit dem „völkischen Widerstand“ beginnt.

Rechtsgerichtete Gruppen wähnen sich gegenwärtig zunehmend im Widerstand gegen Ausländer, Migranten, Flüchtlinge und andere Minderheiten. „Überfremdung“, „Umvolkung“(Le Grand Remplacement), „Volkstod“ und „Remigration“ werden zu den mobilisierenden Schlagworten.

Die Instrumentalisierung des Asylthemas durch rechte Verfassungsfeinde, die Hetze gegen Flüchtlinge und die geschürte Furcht vor Islamisierung vergiften das gesellschaftliche Klima. Die politisch motivierte Gewalt steigt drastisch an, und die Widerstandsrhetorik wird bezeichnenderweise stärker und richtet sich inzwischen direkt gegen die „Altparteien“ und die „Volksverräter“ an der Regierung, während das Vertrauen in die Institutionen des Staates schwindet und die Parteiendemokratie in der Krise steckt. Politische Stabilität kann nicht mehr durch Parteienstabilität garantiert werden. Das ist eine labile und potenziell gefährliche Situation.

Die rechte Gewalt und Verachtung aller Regeln hat System. Diese politische Philosophie ist weder demokratisch noch liberal: sie kennt weder einen vernünftigen Konsens noch einen aufgeklärten Common sense. Eskalation und Wahnsinn sind vielmehr programmiert in der Abkehr von jedem Common sense als Standort einer mit vielen anderen geteilten gemeinsamen Welt. Dies ist ein TROTZDEM-Satz der Zivilität, das heißt: Common sense trotz Diskurs, Dissens, Spezialisierungen und Anomien.

Philosophisch-politischer Extremismus und persönliche Selbstüberschätzung mit schneller junger Radikalisierung verstärken sich wechselseitig. Die medialen Echokammern von heute verstärken diesen Prozess. Georges Sorel baut mit seiner „Theorie der Gewalt“(1906/1928) eine Brücke zwischen links-und rechtsrevolutionär. 

Die Spielregeln der modernen direkten Demokratie und parlamentarischen Demokratie, die Anstrengung und Disziplin erfordern, werden bei Sorel und seinen Adepten nicht anerkannt. Ihre Politik erschöpft sich in der Provokation und direkter Aktion bis hin zur Sabotage. Sorel akzeptiert zwar Bernsteins Revisionismus, nicht jedoch dessen Reformismus. Meliorismus ist der Revoluton zu wenig.

Sorel will nicht nur eine neue Philosophie der Moral begründen, er verknüpft diese auch mit den Gesetzen der Größe und des Niedergangs, worin der eigentliche Keim des revolutionären Totalitarismus steckt, so der Zürcher politische Philosoph Hans Barth in „Masse und Mythos“ über Sorel (Hamburg 1938, S.127). Dieses klassische Thema hat ebenso Machiavelli beschäftigt. Der permanente Kreislauf von „Ambizione e corruzione“ bestimmt sein Geschichtsbild.

Bei Sorel und seinen Jüngern tritt jedoch anstelle der republikanischen Tugend (virtu) der pure Wille, der überall nur auf Widerstand stößt, die unumgängliche Relation von Macht und Widerstand (Max Weber). Dieser Wille wird überhöht, ebenso der Machtwille. Komfort und Konformismus werden seine Gegner: „Dekadenz ist Konformismus“(Barth, S.37).

Bei Benoist heißt es: „Dekadenz ist schlechter als Diktatur“(a.a.O., S. 202). Das passt in die Gesellschaft von Alexander Dugin, womit wir bei den großen Zivilisationskonflikten der Gegenwart gegen den dekadenten amerikanisierten Westen sind (siehe den Blog „Was heißt Vierte Politische Theorie?“).

Mythen können verschiedenen Zwecken dienen, denn sie enthalten weder ein konkretes 
Programm noch einen genauen Zweck. Der anarchistische Anti-Staat kennt keine rechtlich geordnete Willensbildung und Entscheidungsprozesse, und die realexistierende Demokratie kann nie genügen. Auch die Befreiung des Individuums zählt in diesem Mythos der Revolution nicht. Es zählen letztlich die kriegerischen Tugenden, wie sie in starken Syndikaten und Orden verkörpert sind.

Werte, Regeln und Institutionen, die nicht zuletzt im historischen Kampf gegen den Faschismus als antitotalitärer Konsens und Zivilisation nach dem Krieg gewonnen worden sind, werden in der gegenwärtigen Mehrfachkrise von rechts (nicht ohne linke Argumente gegen Neoliberalismus und Globalisierung) abgewertet und ausgehöhlt. Rechte Parteien sind zu neuen Volks- und Arbeiterparteien geworden, die Mehrheiten und politische Macht gewinnen.

Es gibt historische und ideologische Parallelen zu den 20er und 30er Jahren, insbesondere zur tiefen Krise des Liberalismus und den Diskussionen über dessen (fehlende) Grundlagen. Historische Analogien liegen nahe. Sie können aber immer nur als erste Anstöße für genauere gegenwärtige Wahrnehmungen und weitere Differenzierungen und Lernprozesse dienen. Was können wir etwa von 1930 für heute lernen? Nur präzises Wissen hilft klugem Handeln. 

Politische Urteilskraft muss unterscheiden können und sollte die jeweiligen politischen Gegner bei ihren Konzepten und Argumenten packen und nicht lediglich etikettieren, etwa als „Nazis“, was in Deutschland verbreitet ist. Die Fähigkeit, öffentlich überzeugen zu können, ist für demokratische Auseinandersetzungen entscheidend.

Zwischen Populisten und Extremisten, zwischen Konservativen, Nationalisten, Faschisten und Nazis sollte man unterscheiden können. Feinde gibt es. Wirksames Handeln benötigt eine präzise Theorie sowie Wahrnehmungs- und Unterscheidungsvermögen. Der Vormarsch des fremdenfeindlichen Rechtspopulismus, der einen ethnisch-identitären Volksbegriff anstelle einer Rechtsgemeinschaft als Bürger (Citoyenneté) verwendet, ist aufhaltsam.

Bildnachweis: Agentur Medienlabor, Midjourney.