Rechte und linke Sophisten

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Das Geschwätz von heute wird unerträglich. Die funktionale Systemtheorie spricht von „Rauschen“. Mit Indifferenz und kritischer Ignoranz kann man sich dagegen wappnen.

Geschwätz und Gerede gehören jedoch seit je zur Politik als öffentlicher Angelegenheit.

POLITIK IST EIN UNREINES gemischtes Terrain, weder Wirtschaft noch Wissenschaft, auch nicht nur ein ‚System‘, wie von der Theorie gedacht.

Das lässt sich nicht heilen, unter Bedingungen einer entgrenzten medialen Massendemokratie schon gar nicht. Man würde lediglich das schlechtere Gegenteil erreichen.

Schon Sokrates/Platon haben die Sophisten wegen ihrer bloß instrumentellen Redekunst kritisiert und diskreditiert. Der platonische Dialog auf der Suche nach dem Guten (!?) steht gegen die Rhetorik der Sophistik. Das ist eine philosophisch-politisch höchst interessante Kontroverse, die hier im Mittelpunkt steht.

Ist es aber auch der treffende Gegensatz in der liberalen Demokratie von heute?

Lassen sich Überzeugen und Überreden immer so säuberlich voneinander unterscheiden?

Das öffentliche Überzeugen steht fraglos im Zentrum der Demokratie.

Dabei handelt es sich um eine Grundfrage im Verhältnis von Philosophie und Politik.

Philosophie und Politik

Die Philosophen haben die Rhetorik kritisch gesehen und damit die Demokratie insgesamt, deren Verfechter sie nie waren („Herrschaft des Pöbels“). Das betrifft auch die beiden Großen: Platon und Aristoteles, auf deren Schultern wir stehen.

Eine Ausnahme ist Baruch de Spinoza (1632–1677): Theologisch-Politischer Traktat 1674; Politischer Traktat 1677.

Öffentlichkeit als „Herrschaft des Man“ (im Unterschied zur Eigentlichkeit des Selbst) wurde vom Meisterdenker aus Deutschland (Heidegger) und seinen zahlreichen Adepten abgewertet (Sein und Zeit, 1927, S. 27 und 35). Es galt der „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) und die leere Entschlossenheit, die politisch dumm war.

Tatsächlich findet die demokratische Auseinandersetzung im Massenzeitalter auf dem Boden eines unreinen, durchmischten Terrains statt und nicht auf einem einfachen Spielfeld. Das macht Politik schwierig, kompliziert und frustrierend, wenn auch nicht schmutzig.

Es wird mit Unterstellungen in der Sache und Diffamierungen gegen Personen,

unbewiesenen Behauptungen und Halbwissen gearbeitet. Worte kann man gut- und böswillig interpretieren (Skandalisierung). Daraus lässt sich aufgebauscht auch ein ‚Kulturkampf‘ machen.

Das ist eine Zumutung, die man in liberalen, rechtsstaatlichen Demokratien aushalten und der man/frau gleichzeitig widersprechen muss: PRO UND CONTRA.

DAS wiederum erfordert Mut und Kraft, wenn man sich als Person in der Öffentlichkeit exponieren muss, um nur diese Facette hervorzuheben, die in der Politikwissenschaft unterbelichtet bleibt.

Dieser Handlungsmut hängt am Charakter.

Auch Viele, die Menge oder Masse kann Charakter zeigen, wie die demokratischen Revolutionen zeigen, die aus dem spontanen Geist von Versammlungen entstanden sind.

Die Massen sind ein Problem, aber NICHT GESICHTSLOS. Die Verachtung der unkritischen Masse ist undemokratisch. Der Zusammenhang von Masse und

Macht wiederum ist komplex.

Das säkularisierte Gesetz

Die griechische Sophistik als erste Aufklärung ändert den Sinn von Nomos (griechisch für Gesetz). Der Begriff löst sich von Natur (physis, griechisch für Natur) Gesetze werden derart von Menschen gemachte Gesetze (was wir heute positives, änderbares Recht nennen).

Es kann so potenziell auch ein Gesetz der Schwachen werden (Demokratie! Im ewigen ‚Kampf um Anerkennung‘, Hegel). Es kann aber genauso und meistens zum Gesetz des Stärkeren werden, das Naturrecht des Stärkeren. Das ist seine Ambivalenz, auch in der Auseinandersetzung zwischen rechten und linken Sophisten.

Aufklärerisch ist die Öffnung zu einer neuen Rationalität, welche die traditionellen Bindungen an das Herkommen lockert.

Macht des Redens

Gemeinsam ist den Sophisten der Glaube an die Macht des Redens, die sie als Lehrer und

POLITIKER PERFEKTIONIEREN. Reden bedeutet für sie geradezu das Überwältigen des Gegners ohne Gewalt. Helmut Schmidt („Schmidt Schnauze“), ein moderner Kanzler, Parteipolitiker und ehemaliger Fraktionschef, hatte von der Politik in diesem Sinne als „Kampfsport“ gesprochen.

Rededuelle spielen auch in der parlamentarischen Demokratie eine Rolle, und die Wahlkämpfe haben sich durch das Fernsehen, die neuen Medien und zahlreiche Beteiligungsformate intensiviert. Man muss kein guter Redner sein, um erfolgreicher Wahlkämpfer zu sein (Kohl), aber man muss viel reden. Das gehört zum Beruf des Politikers.

Debattierwettbewerbe sind auch für Schulen etwas Gutes.

Intelligente Eloquenz qualifiziert heute zur Talk-Show als wirksame Demokratie-Simulation.

Die immergleichen Wenigen mit starken Meinungen und steilen Thesen setzen die Agenda, sie sind das Gesicht von Parteien auch auf den Wahlplakaten, verbunden mit wenig inhaltlicher Aussage. Ein bekannter Kopf genügt.

Viele scheuen deshalb vor der (Parteien-)Politik zurück. Eine zivile Desertion findet statt, buchstäblich überwältigt von diesem Lärm/noise (prägnante Signale werden deshalb wichtiger) oder abgestoßen. Letzteres führt zur verbreiteten sprachlosen Wut als einem neuen Ressentiment gegen Politik, Parteien und Politiker. Diese Politik des Ressentiments schadet der Demokratie in jeder Hinsicht.

Das Reden in der Politik ist freilich keine Habermas’sche Idealisierung des Diskurses, in dem allein das bessere Argument zählt. Das ist eine akademische Verzerrung der Wirklichkeit. Obwohl man ohne Argumente, die zu überzeugen vermögen, nicht auskommt, ist der herrschaftsfreie Diskurs lediglich eine Insel im Geräusch der heutigen zahlreichen Auseinandersetzungen.

Der demokratische Diskurs ist nicht nur Diskurs.

Polarisierte Auseinandersetzungen gehen bis an die Grenze der Feindseligkeit und beinhalten vieles, was politisch inkorrekt und hasserfüllt ist. Polemik ist erlaubt, und Gegner darf man haben, Feinde besser nicht (enemy, foe).

Die Sophistik gehört kulturell und politisch zu den agonalen Grundzügen der griechischen Kultur, aus der die Demokratie erwachsen ist als argumentativer Wettstreit. Dieser Zusammenhang bleibt erhalten bei allem Mediengetöse, ja, er wird noch krasser, evidenter und ungleicher. Man muss ihn aushalten können.

Von den Sophisten können sich die heutigen Verteidiger der liberalen Demokratie eine Scheibe abschneiden, statt ständig nur Haltungsnoten zu verteilen.

Politisieren statt Moralisieren, sich inhaltlich streiten statt sich zu empören, sollte das selbstverständliche Motto sein.

Reden über alles

Der Einfluss des Redens reicht nach Überzeugung der Sophisten überall hin. Sie sind insofern Demokraten, als sie über den Kreis ihrer Gesinnungsfreunde hinaus gewinnen wollen: Über alles mit allen reden, auch mit Rechten; Kontaktverbote sind hier falsch am Platz.

Ein Streitpunkt mit der platonischen Philosophie ist der Universalitätsanspruch. Für die Platoniker geht es bei der Präsenzrhetorik der Sophisten lediglich um Wirkung, bloß(?) Wirkung.

Wenn diese erkauft ist (käufliche Politik), wird Kritik nötig.

Aber: geht es um Wirkung ohne Wahrheit? Bloß um des Scheins und der Täuschung wegen: Verführung und Demagogie. Das ist die Frage.

Und: Gibt es WAHRHEIT OHNE trans- und intersubjektive Wirkung?

Für Sophisten ist wahres Wissen noch nicht eo ipso Motivation für richtiges und wirksames Handeln. Man muss die Redekunst nicht beschränken, sondern sollte sie gerade für die demokratische Politik, wo es oft um entscheidende Mehrheiten geht, fördern und prämieren.

Platonische Dialogik, sophistische Redekunst, Debatten und Rededuelle sind zu unterscheiden. Sie bilden unterscheidbare Elemente einer lebendigen Demokratie, die sich verbinden und verbünden können. Dies wiederum ist insgesamt eine eigene Philosophie der Demokratie griechischen Ursprungs mit einer wechselvollen Geschichte in Städten und Staaten (Kommunalismus, Föderalismus).

Das alltägliche Miteinanderreden, das nicht sophistisch ist, ist dabei ebenso wichtig.

Zugewandtes Reden mit allen. DAS heißt: reden lassen, zuhören, selbst argumentieren, auch wenn es schwierig wird und bisweilen scheitert. Manchmal verschlägt es einem auch die Sprache.

Der schöne Satz von Willy Brandt in seiner Regierungserklärung (1969): „Mehr Demokratie wagen“, meinte nicht mehr direkte Demokratie.

Er meinte die „außerordentliche Anstrengung“ des BESSEREN ZUHÖRENS und WECHSELSEITIGEN VERSTEHENS, was alle betrifft.

Vielem geht man im Leben auch aus dem Wege, indem man seine eigenen Wege, auf der Suche nach dem kleinen Glück, verständlicherweise, geht: multum, non multa. Indifferenz ist in der modernen differenzierten Gesellschaft, funktional spezifiziert und spezialisiert, ein großes ethisch-politisches Problem, individuell wie kollektiv. Darüber gibt man sich selten Rechenschaft.

Rechte und linke Sophisten

Ottmann unterscheidet rechte und linke Sophisten (Geschichte des politischen Denkens, Band 1/1, S. 216 ff). Die bekanntesten sind rechte Sophisten, bekannt durch Platon (Politeia, Gorgias): Thrasymachos und Kallikles. Sie sind zynische Vertreter der puren Macht des Stärkeren: Macht vor Recht.

Auch die Machtpolitik kommt indessen nicht ohne Verweis auf Recht und Gerechtigkeit aus (siehe zum Beispiel den ‚Melier-Dialog‘, in: Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, Reclam, 5. Buch, S. 450–460). Das ist jeweils genauer zu analysieren.

Die linken Sophisten, die Sklaverei ablehnen und auf die natürliche Gleichheit der Menschen in unterschiedlichem Umfang abzielen, etwa Alkidamas oder Hippias, sind weniger bekannt.

In die „Mitte“ stellt Ottmann Protagoras (so auch der Titel von Platons berühmtem Dialog), der für die „Verbindung von Sophistik und Demokratie“ steht (a.a.O., S.219). Die zweite berühmte Figur ist Gorgias, geb. um 490 v. Chr. Im gleichnamigen DIALOG streiten sich Platon und der Sophist um die Universalität und Neutralität der Redekunst (a.a.O., S.223).

Dahinter stehen weitreichende Gegensätze: die (platonischen) Philosophen gehen vom WISSEN DES GUTEN aus, auf das alles Reden und die Bildung ausgerichtet sein sollen.

Die Sophisten dagegen sind Skeptiker und Demokraten (!?), welche die Welt der Meinungen nicht übersteigen wollen (und können). Übertrifft sie Platons bester Staat?

Das ist zu bezweifeln, wenn man dessen Wirkungsgeschichte in Rechnung stellt. Die totalitäre Versuchung wohnt dieser politischen Utopie inne.

Doch reden ist auch nicht alles!

Reden ist nicht alles

Gutes Reden ist für die zivile Demokratie der Bürger ebenso grundlegend und wichtig wie für die Politiker, die einander im Kampf um Zustimmung konkurrieren (liberale Demokratie und liberale Zustimmungstheorie des Staates).

Aber Redekunst ist nicht alles in der Politik, Institutionen kommen hinzu, insgesamt ein multiples Regelsystem, das historisch wächst, ebenso umkämpft wie die Rededuelle.

Historisch vergleichend kann es erforscht und in seiner Varietät zu historischem Bewusstsein kommen. Das gehört zur beharrlichen Aufklärung.

Von besonderer Bedeutung für heute sind die französische und amerikanische Revolution. Seitdem sind wir dem kulturellen Erbe der Bürger- und Menschenrechte verpflichtet. Die vertikale Gewalten- und Machtteilung als Bedingung der Freiheit gehört ebenso zum multiplen REGELSYSTEM wie freie und gleiche Wahlen, Verfassungsordnung, Parlamente, Mehrheitsentscheid und Pressefreiheit.

Schluss: Charakter und zivile Komplexität

Dieses ‚System‘ liberaler Demokratie ist voller Konflikte, löst Konflikte und schafft sie zugleich. Es gibt keine perfekte Demokratie, sie kommt zu keinem Abschluss, auch wenn sie zu Beschlüssen und Leistungen kommen muss – demokratische Regierungsfähigkeit. Sie kennt keine Vollendung und verspricht kein Heil, die Geschichte bleibt offen, die Demokratie unvollendet.

Statt der politischen Utopie ist ein stoischer, erwachsener Liberalismus realitätstüchtiger und zivilisationsdienlicher.

Die Demokratie hat eine eigene praktische Philosophie griechischen Ursprungs, der im Kern lokal ist, von der wir oben einige Aspekte erörtert haben. Sie verbindet sich inzwischen mit einem historisch gewachsenen multiplen Regelsystem, das institutionell unterschiedlich ausgestaltet werden kann.

Es muss kulturell eingeübt und gepflegt werden im Charakter der Menschen und seiner widersprüchlichen zivilen Komplexität, der die politische Urteilskraft allerdings gewachsen bleiben muss, was keineswegs garantiert ist.

„Komplexität beherrscht die Zukunft. Wer beherrscht Komplexität?“ (academy NZZ).

Vor diesem Hintergrund ist die pragmatistische Zuspitzung vom Vorrang der Demokratie gegenüber der Philosophie (Rorty) überflüssig. Demokratie und Philosophie sollten sich vielmehr wechselseitig ergänzen und verstärken. Das scheint mir heute notwendig, wo die politische Krise verstärkt auch eine geistige amerikanisch-europäische Krise ist.

Dafür lässt sich nach den totalitären Erfahrungen das Bewusstsein schärfen und bilden, welches Personen und Institutionen gleichermaßen umfasst und betrifft. Das ist eine große, immerwährende Aufgabe, die schulische und außerschulische Anstrengungen verlangt.

Vor allem die vielfältige Politik selbst sollte sich zunehmend einer seriösen Demokratiepolitik annehmen, was insbesondere die demokratischen Parteien und ihre Politiker angeht, wenn sie – nicht am Volk vorbei – regierungsfähig bleiben wollen.