Mourir pour Danzig

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Die Frage „Mourir pour Danzig?“ – 1939 vom französischen Politiker Marcel Déat gestellt, symbolisiert die Weigerung, für einen entfernten, vermeintlich peripheren Ort zu sterben, selbst wenn er völkerrechtlich Verbündeter ist.

Dieser Reflex könnte sich im 21. Jahrhundert wiederholen, auch unter Nato-Bedingungen. Ein russischer Angriff auf ein kleines oder geostrategisch ungünstig gelegenes Land, zum Beispiel Estland, Lettland, Litauen oder gar Finnland als Testfall, könnte folgende Reaktionshemmnisse auslösen:

– postheroische Mentalität in Westeuropa. Die Bereitschaft, für einen anderen Staat wirklich Krieg zu führen, ist emotional und kulturell verkümmert. Der Gedanke, eigene Städte könnten bombardiert oder Soldaten in großer Zahl sterben, ist fern und gesellschaftlich tabuisiert. Das führt zur natürlichen Neigung der Deeskalation, Einhegung und diplomatischen Lösungen, selbst bei offenkundig vorliegender Aggression.

– unklare Risikobereitschaft der USA. Die USA sind innenpolitisch gespalten, strategisch überdehnt und außenpolitisch überfordert (Asien, Naher Osten). Ein Präsident mit isolationistischen Reflexen könnte Art. 5 der Bündnisverpflichtung rhetorisch bestätigen, faktisch aber verwässern (Trump: „Interpretationssache“). Die nukleare Drohkulisse Russlands würde die Hemmschwelle für eine Konfrontation erhöhen, selbst für Washington.

– Verzahnung wirtschaftlicher Interessen. Trotz Sanktionen bestehen in Staaten Europas weiterhin wirtschaftliche Abhängigkeiten und eine lange Tradition russlandfreundlicher Politik. Dies fördert eine Appeasement-Logik: lieber stillhalten, als die Energiepreise explodieren zu lassen oder die Konzerne zu gefährden.

– nicht-überzeugte Narrative: die baltischen Staaten sind für viele Westeuropäer mental am Rand Europas und nicht im emotionalen Zentrum. Ohne klares Narrativ von Solidarität, Freiheit und existenzieller Bedrohung bleibt der Impuls zum militärischen Handeln schwach.

– strategische Uneinigkeit innerhalb Europas: Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien haben unterschiedliche Bedrohungswahrnehmungen. Frankreich zum Beispiel sieht sich als Mittelmeer – und Afrika-Macht. Das macht kollektives militärisches Handeln langsam, zerfasert und symbolisch.

– Furcht vor nuklearer Eskalation. Ein russischer Angriff unterhalb der Nuklearschwelle, aber mit offener Drohung würde viele Staaten paralysieren. Die Furcht, mit einem Flächenbrand zu enden, könnte dazu führen, dass ein Einfrieren des Konflikts hingenommen wird.

– Präzedenzfall Ukraine. Obwohl massive Solidarität mit der Ukraine herrscht, hat der Westen bisher keine direkten Truppen geschickt. Russland könnte daraus schließen, solange keine Nato-Hauptmacht angegriffen wird, bleibt der Westen reaktiv statt proaktiv.


Fazit:
Ein russischer Angriff auf ein kleines Nato-Land könnte ein zweites Danzig-Syndrom auslösen. Viele würden formal Solidarität bekunden, aber praktisch zögern, Krieg zu führen. Die Kombination aus postheroischer Öffentlichkeit, politischer Uneinigkeit, nuklearer Abschreckung und strategischer Apathie ist der Nährboden für eine erneute Appeasement-Politik.

Die Formel von 1939 “ Mourir pour Reval?“ ist also heute nicht undenkbar.

Testfall für die Nato?

Ein Testfall wie Reval oder Narwa scheint zur Zeit jedoch wenig wahrscheinlich, weil der Krieg in der Ukraine Russlands Ressourcen, Aufmerksamkeit und Risikoausgleichskapazität bindet. Russland würde sich selbst überfordern. 

Hier die zentralen Gründe:
– militärische Bindung. Russland hat in der Ukraine einen Großteil seiner regulären Armee und Waffenproduktion gebunden. Die strategische Partnerschaft mit Nordkorea und die Aufstockung mit Soldaten aus diesem Land sind bezeichnend für Russlands Schwäche. Es bleibt kaum freie Verfügbarkeit für neue Konfrontationen. Alles fließt in den Donbass, um dort die annektierten Gebiete zu halten.

– fehlender Überraschungseffekt. Ein Testfall wie Reval oder Narwa müsste lokal, rasch und überraschend ablaufen, um Nato-Reaktionen zu umgehen. Nach der Invasion von 2022, Butscha und Mariupol ist der Überraschungseffekt verflogen. Nato, Baltikum und Finnland sind nun hochgradig alarmiert.

-ohne strategischen Wert. Russland könnte zwar kurzfristig neue Gebiete im Baltikum besetzen, aber keine Linie halten, da Nato-Länder dann eine ernsthafte Eskalation erwägen müssten. Ohne gesicherte Nachschublinien und Luftüberlegenheit wäre ein solcher Vorstoß irrational und absurd.

– wirtschaftliche und politische Belastung. Der Ukraine-Krieg, obwohl eine „Spezialoperation“ ohne Kriegserklärung, hat Russland bereits in eine fast permanente Mobilmachungslage gezwungen: Wirtschaft, Bevölkerung und Industrie laufen am Anschlag. Die Bevölkerung wünscht keine Konfrontation mit der Nato. Ein zweiter Kriegsschauplatz würde die interne Stabilität des Landes gefährden, auch Putins eigene Machtbasis und des Putinismus, der ihn wahrscheinlich überleben wird.

– Risiko kalkulierter Eskalation. Ein Angriff auf ein Nato-Mitglied würde den gesamten Westen unter Zugzwang setzen. Man würde sehen, dass es ihn noch gibt. Anders als 2014 bei der Krim (mit den „grünen Männchen“) und bei der doch überraschenden flächendeckenden Invasion der Ukraine 2022 wäre ein solcher Schritt kein ‚grauer Bereich‘ mehr, sondern ein bewusstes Überschreiten einer roten Linie – mit unkalkulierbaren Folgen.

– Abschreckung durch Finnland und Polen. Seit 2022 haben sich zwei militärisch ernst zu nehmende Länder – Finnland und Polen – massiv gerüstet und sind kompromisslos gegenüber Russland. Das Baltikum ist nun keine leichte Beute mehr, sondern ein verteidigter Frontstreifen mit hoher Eskalationsgefahr.

Fazit:
Russland ist nicht prinzipiell gehindert, einen Testfall in seinem Krieg mit der dämonisierten Nato zu starten, aber faktisch gebunden und überdehnt. Das macht den Ukraine-Krieg, dessen Ausgang offen ist, paradoxerweise auch zur indirekten Verteidigungslinie für Narwa und Reval.

Bildnachweis: IMAGO / Le Pictorium