Monument Habermas

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Wenn man in den 70er Jahren begann, Philosophie und Soziologie zu studieren, dann war Jürgen Habermas der Stichwortgeber und Anreger vieler Themen und Diskussionen.

Wir können und wollen hier nicht alles aufzählen. Es ist trotzdem viel, was mir in Erinnerung geblieben ist und woran man zum Teil heute noch herumstudiert, unabgeschlossen.

Genie der Rezeption

Noch vor der Universität, als Schüler, der von den 68ern bewegt war, las ich die sozialphilosophische Aufsatzsammlung ‚Theorie und Praxis‘ (1963) und ‚ Technik und Wissenschaft als Ideologie‘ (1968, das Buch ist Herbert Marcuse gewidmet).

‚Theorie und Praxis‘ ist 1971 in einer Neuauflage erschienen mit einer instruktiven Einleitung, dessen letzter Satz lautet: „in einem Aufklärungsprozess gibt es nur Beteiligte“ (S. 45).

Ein Satz, der heute mehr denn je zur eigenen Philosophie und Praxis werden sollte

Denn, was heißt heute Aufklärung? Gibt es die Aufklärung im Singular?

Ich habe den Satz inzwischen für meine Studenten in der Politischen Theorie ersetzt durch den Satz: die konkrete Urteilskraft üben.

Wie macht man das?

Transdisziplinär:
Die Welt neu sehen lernen, geographisch, historisch, politisch. Und:
Ohne eigene Vorurteile den Dämonen der Macht und des Krieges ins Gesicht zu sehen.

Mein erstes philosophisches Proseminar an der Universität Zürich hieß: „Was heißt philosophische Hermeneutik?“ bei Walter Zimmerli, das ich zufällig belegt hatte, denn ich wusste nicht, was mich erwartete.

Hans Georg Gadamer ist ein zweiter wichtiger Lehrer geworden, den ich später zum Glück am Inter University Centre in Dubrovnik persönlich kennenlernen konnte. Er gehört zweifellos zu den großen Lehrern in der deutschen Philosophie, auch für Habermas, der ihn nach Heidelberg holte. Sein Werk „Wahrheit und Methode“ (1960) zählt für mich zu den wichtigen Büchern in der Philosophie.

Vorbild kritischer Diskurse

Wiederum ist es Habermas, der hier eine interessante Debatte „Hermeneutik und Idelogiekritik“ (1971) angestoßen hat. Seine Kritik am „Universalitätsanspruch der Hermeneutik“ (1970) zeugt von seinem Genie der Rezeption und der kritischen Auseinandersetzung, von der man viel lernen konnte.

Die zweite große Debatte war für mich die mit dem Juristen, Verwaltungswissenschaftler und Soziologen Niklas Luhmann: „Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie“ (1971) mit zahlreichen Supplementbänden, schön in gelb.

Luhmann war ein Parsonsschüler, der seine Systemtheorie radikalisierte. Weltfremd war er nicht, die Auseinandersetzung mit ihm, der Theorie als Passion betrieb, ist schwierig und lohnt sich, wirkt allerdings auch desillusionierend. Am Ende bleiben die ausgebrannten Vulkane des Marxismus und Neomarxismus, den es damals in zahlreichen Spielarten gab.

Nach den zahlreichen kritischen Auseinandersetzungen, wissenschaftlich wie publizistisch, begonnen hat es mit dem Literaturbericht zur philosophischen Diskussion um Marx und den Marxismus (1957), hatte Habermas nach der großen Kritik an den Großen Gadamer und Luhmann ‚genug‘ von reiner Kritik und wollte konstruktiv werden.

Es begann der lange hartnäckig-diszipliniert verfolgte, systematische Weg zu einer eigenen normativen Grundlegung kritischer Gesellschaftstheorie nach Adorno, die im zweibändigen Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) mündete. Es wurde zu einem bleibenden Theorie-Monument bis heute (siehe unsere Bild) und darüber hinaus.

Gadamer, der Gesprächsphilosoph, sagte zu mir einmal: „ein Kartenhaus“, ein vielstöckiges und differenziertes Gebäude ist es allemal. Mich beeindruckte am meisten, was seine klügsten Mitarbeiter (Honneth und Joas) am meisten kritisierten: nämlich die Verbindung von Lebenswelt und System sowie die Rezeption von Parsons (amerikanischer soziologischer) Gesellschaftstheorie.

Hans Joas sprach von einer „unglücklichen Ehe zwischen Hermeneutik und Funktionalismus“.

Für mich ist es eine spannende und realitätstüchtige Ehe.

Als ich Mitte der 70er Jahre in Frankfurt am Main studierte, war Habermas zusammen mit dem Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg. Dort konnte er seine wissenschaftliche Produktivität ausleben.

Ich saß derweil in den Vorlesungen und Seminaren von Karl- Otto Apel, dem ehemaligen Studienfreund von Habermas, der eine Kenner der Sprachphilosophie und modernen Wissenschaftstheorie war (Transformation der Philosophie, 2 Bände, 1973).

Apel inspirierte Habermas. Und Habermas, das Genie der Rezeption, wurde ein Sprachphilosoph mit angelsächsischer Kompetenz und ein Diskursethiker.

Die Rezeption der Sprechakttheorie (Searle) bis ins letzte Detail bildete einen wichtigen Grundbaustein seiner systematischen Theorie.

Mann einer Epoche?

Politisch und politiktheoretisch wichtig war für mich noch einmal das brillante Buch, das wieder ein reflektierter Literaturbericht war: „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ (1973) mit der wichtigen Unterscheidung ‚Systemintegration und Sozialintegration‘ (Lockwood).

An diesem Buch lässt sich heute ermessen, was die Verschiebungen in der ökonomischen und politischen Krisentheorie sind.

Sie sind gewaltig und überfordern, lebensweltlich wie systematisch-problemlösend.

Auch theoretisch.

Es herrscht nicht nur eine neue Unübersichtlichkeit.

Nach 30 Jahren in Ostdeutschland und Potsdam bin ich der Auffassung, dass Habermas, der postnationale BRD-Philosoph in geschützter Werkstatt vieles aufgeklärt, aber auch vieles grundsätzlich missverstanden hat.

So 1990 das Ende des Ostblocks als „nachholende Modernisierung“.

2003 “ altes und neues Europa“, und die europäische Verfassung als postnationales Projekt.

2022 den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.

Zum Glück muss Habermas Trumps neue Welt und den Irankrieg heute nicht mehr kommentieren.

Für einen überzeugten Pazifisten muss die Welt verrückt geworden sein.

Es gibt wenige in Deutschland, die wie Habermas so gefeiert worden sind („Weltmacht Habermas“) und zugleich so falsch lagen, als wäre er mit dem Qualitätssiegel ‚Made in Germany‘ versehen. Das soll kein anmaßender Vorwurf sein, sondern nur der Versuch der Einordnung eines Mannes aus einer anderen Zeit, von dem ich viel gelernt habe.

Bildnachweis: Heinz Kleger