Krieg gebiert Kriege

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Im letzten Blog (13. März) sprachen wir in unüblich apodiktischen Sätzen und hatten gute Gründe dafür. Der Iran-Krieg geht in die dritte Woche und spitzt sich zu. Immer offensichtlicher werden auch die Querbezüge zum Ukraine Krieg (Rüesch, NZZ 14. März, S.1).

Ansonsten dominiert bei unseren Gedankensplittern (als letzte Zuckungen) eher das Fragezeichen, obwohl wir, ehrlicherweise, seit dem Ukraine-Krieg zu Kriegsbloggern geworden sind, freilich auf ukrainischer Seite.

Die Unvermeidlichkeit von Kriegen zu denken, rührt an ein Tabu, insbesondere in Deutschland. Nicht einmal das Buch „Just and Unjust wars“ von Michael Walzer (1977) konnte man mit linken Studenten in Ruhe diskutieren.

Den Krieg unter heutigen Bedingungen wieder denken zu lernen (Aron über Clausewitz) ist notwendig, gerade auch, um Kriege abzuwehren oder besser noch: glaubwürdig verhindern zu können. Deswegen muss man bei aller ernsthaften Militarisierung um Gottes willen kein ‚Militärkopf‘ oder gar ‚Bellizist‘ werden.

Es geht lediglich um ‚zivil-bürgerliche‘ republikanische Wehrfähigkeit und politischen Realismus, der allerdings schmerzhaft desillusionierend geworden ist. Die neue Zeit zwischen Krieg und Frieden ist eine im Grundlegenden desorientierte schwierige Zeit.

Die Religionen predigten früher den himmlischen Frieden, wohl wissend, dass es den auf Erden nicht geben kann. Die Tore des Janustempels auf dem Forum Romanum wurden nur vier Mal geschlossen.

Dem Dämon müssen wir ins Gesicht sehen entgegen unseren Vorurteilen.

Ein bisschen Krieg gibt es nicht, vielleicht gibt es ein bisschen mehr Frieden, den wir fürs Überleben brauchen.

‚Militarisierung‘ der Köpfe

Angefangen hat es mit dem Sechstage-Krieg 1967, als unsere Lehrer in Zürich uns schulfrei gaben, um den Krieg auf Seiten der israelischen Armee täglich in den Nachrichten und auf Karten verfolgen zu können (wie für die Generation meines Vaters die Finnen und ihr Winterkrieg gegen Stalin das insgeheime Vorbild waren, so für unsere Lehrer die Israelis; wie schrieb Dürrenmatt: Naturrecht gegen Naturrecht).

Die bewaffnete Neutralität des Kleinstaats war selbstverständliche patriotische Pflicht.

Die Nation muss politisch und politiktheoretisch auf der Agenda bleiben, vor allem wenn es um Verteidigungs- und Wehrfragen geht. Innenpolitisch darf man sie nicht den Rechtspopulisten überlassen. Politische Emotionen werden in dieser Auseinandersetzung rationalistisch unterschätzt. Auch der Populismus kann Demokratie beleben.

Seit den 60er Jahren reiht sich ein Krieg an den andern, geographisch und persönlich nahe mit den Jugoslawienkriegen, dem einst vielgelobten Vielvölkerstaat, der sich aus eigener Kraft von der Naziherrschaft befreit hatte. Sarajewo war das multikulturelle Europa, das sehenden Auges in einer langen Belagerung brutal scheiterte.

Es begann eine Phase intensiver Gewalt, ehemalige Nachbarn gegen Nachbarn, ehemalige Berufskollegen gegen Kollegen, sogar Verwandte gegen Verwandte, vom nicht-entfremdeten Selbstverwaltungssozialismus und der Praxisphilosophie (in der schönen Theorie) blieb nichts übrig.

Die Praxisphilosophie scheiterte in der Praxis wie viele andere schöne Ideen, denen man sofort zustimmt. Die Falsifikation war unmissverständlich und nicht bloß ein Rückschlag in einem Fortschrittsprozess – mit neuen Chancen, wie der liberale Optimismus immer suggeriert.

Kriege denken

Wer einen Krieg beginnt, muss sich bewusst sein, dass das Ende nicht vorwegzunehmen ist. Natürlich haben die Militärs vorbereitete Pläne zuhauf und Politiker ihre Vorurteile, aber einen politisch-militärisch durchdachten Plan von Anfang bis Ende gibt es für einen Krieg nicht.

Fünfjahrespläne gibt es nur für Aufrüstung.

Ein Krieg ist eine Ereignisreihe voller Überraschungen und Wendungen. Überraschende Ereignisse intervenieren nicht nur von außen. Taktische Fehler und politische Fehleinschätzungen sind kaum zu vermeiden. Situativ richtige und rechtzeitige Entscheidungen gilt es ständig unter hohem Druck zu fällen. Sie entscheiden über Tod und Leben von Vielen.

Durchhalten und fester Wille sind gefragt.

Dazu kommt die Vielzahl an Informationen von verschiedener Seite, die sich oft konkurrieren und widersprechen. Und die permanente Propaganda im Informationskrieg. Die Nachrichtendienste spielen eine ebenso große Rolle wie die kämpfenden Verbände und deren Logistik und Waffen.

Diese Schwierigkeiten und die damit verbundene Irrtumswahrscheinlichkeit wird sich auch unter Zuhilfenahme von KI nicht beseitigen lassen. Im Gegenteil, es droht ein ‚cognitiv overload‘.

Kürzlich erschien eine beunruhigende Simulations-Studie, die zum Ergebnis kommt, dass KI in fast allen durchgespielten Szenarien Konflikte bis zum Atomschlag eskalieren würde (Welt, 13.3.).

KI ist schnell zu einer neuen Religion geworden. KI gesteuerte Waffen entziehen sich der Kontrolle.

Als Pazifist lässt sich sagen: Krieg an sich ist ein Kriegsverbrechen. Zur Wahrheit gehört, in Kriegen, auch in gerechten, gibt es Kriegsverbrechen.

So jüngst bei einem Angriff auf eine Schule in der Stadt Minab im Iran.

Mit einer Tomahawk-Rakete: 175 Tote, die allermeisten waren Kinder, von der amerikanischen Presse aufgedeckt. Der Grund waren offenbar veraltete Zieldaten, welche die Schule noch als Militärgelände markiert hatten.

Kriegsverbrechen oder nicht? (NZZ, 14. März) Ja, wenn auch nicht mit Absicht, sondern fahrlässig. Eine rituelle Entschuldigung reicht nicht, eine Untersuchung mit Konsequenzen ist mindestens erforderlich.

Zur Beruhigung gibt es aus Sicht der möglichst vorurteilfreien nüchternen theoretischen Analyse gegenwärtig wirklich keinen Anlass. Eher ist man geneigt, in einen düsteren technologischen Determinismus zu verfallen, der falsch ist.

Der Mensch kann abbremsen. Er hat die Freiheit und Verantwortung, sich anders zu entscheiden.

Die Beobachtung der Ereignisse und Entwicklungen in der Welt bestärkt indessen den Eindruck einer „exterministischen Logik“ der modernen Zivilisation (so der britische Historiker Thompson 1980). Uns bzw. bei vielen Bürgern kommt das Vertrauen in die eigenen demokratischen Fähigkeiten abhanden (siehe den Blog zur grundlegenden Vertrauenskrise als Systemkrise vom 9. Februar, und der ist nur innenpolitisch sehr begrenzt gemeint, bezogen auf ein Land, das zum Glück noch nicht im Krieg ist).

Der Eindruck des Extremismus als Exterminismus hat aktuell vielerlei Gründe über die Tatsache hinaus, dass der strategisch-militärische Bereich schon immer der Demokratie der Bürger entzogen war, der antiken wie der modernen. Da können wir noch soviel idealisieren. Die Zeit der politischen Utopie ist vorbei.

Rückzug, Fatalismus und Zynismus sind die Folge.

Heute kommt die rasante und intransparente Entwicklung der (Waffen-)Technologie in Verbindung mit Wissenschaft und Forschung hinzu, die nur noch Spezialisten beurteilen können, die oft selbst überrascht sind über die Produkte der Konkurrenz.

So ergeht es regelmäßig amerikanischen Militäranalysten, wenn sie neue chinesische Kampfjets, Schiffe oder U-Boote sichten. Auch der Vorwurf geheimer Atomtests steht im Raum.

China, das stolz ist auf seine Leistung, im riesigen Land den Hunger besiegt zu haben (mit welchem Preis!!!), wird sich nicht bremsen lassen. Von niemandem. Und es ist empfindlich gegenüber Kritik von außen, was wir auch in der Tibetfrage sehen konnten. Schon ein Tibetfähnchen am Straßenrand führte zu diplomatischem Eklat.

Vom technisch-militärischen Wettlauf im Weltall, von dem wir nichts wissen, können wir hier sowieso nicht reden. Wir sind buchstäblich weltfremd geworden.

Der ewige Kreislauf des Fortschritts ist im vollen Gange. Dürrenmatts Drama „Die Physiker“ ist ins Heute zu übersetzen: mit Atombombe und KI in der Irrenanstalt.

Ukraine-Krieg und Iran-Krieg

Natürlich muss man politisch fordern, bevor ein Krieg beginnt, das schlimmste Mittel, das schnell aus der Kontrolle geraten kann und immer furchtbare Schäden anrichtet, besonders gut und skrupulös zu bedenken.

Auf strategischer Ebene gehören Irankrieg und Ukraine-Krieg zusammen. Die Ukraine und der Iran sind über die Shahed-Drohnen, welche die Russen tagtäglich auf die Ukraine verfeuern, verfeindet. Die Trump Administration und seine Dilettantentruppe um Witkoff/ Kushner will dies nicht wahrnehmen/wahrhaben.

Geopolitisch, durch die Brille des großen Ganzen, müsste die Ukraine für die USA Priorität haben vor dem iranischen Kriegsschauplatz, denn der Krieg in der Ukraine entscheidet mit darüber, ob Russland mit Gewalt in Europa Grenzen verschieben kann und ob amerikanische Sicherheitszusagen glaubwürdig bleiben und die Ukraine strategisch stabil.

Russland plant gerade die Frühjahrsoffensive auf die strategisch wichtige Stadt Kramatorsk.

Es wirbt für den Aufbau neuer Drohneneinheiten mit materiell attraktiven Angeboten (siehe Welt TV vom 14. März).

Die Aufmerksamkeit darauf müsste ein strategisches Kerninteresse der USA als atlantischer Macht sein.

Stattdessen wackelt die Nato wieder, was strategisch äußerst dumm ist angesichts der Weltlage. Dafür ist Trump nicht der einzige Sündenbock.

Trump fordert die Unterstützung der Verbündeten für die militärische Öffnung des international überaus wichtigen Seeweges an der Enge von Hormus, welche die Revolutionsgarden blockieren.

Die europäischen Verbündeten erwidern: „Das ist nicht unser Krieg.“ Sie bleiben passive Zuschauer am Rande.

Die amerikanischen Minenräumer scheinen nicht richtig und zu langsam zu funktionieren

Iranische Minenleger werden bombardiert, ebenso wie die Ölinsel Charg.

Ein amerikanisches Schiff, die USS ‚Tripoli‘, das auf den seegestützten Landkrieg spezialisiert ist, ist mit 2500 Marineinfanteristen unterwegs in den Persischen Golf.

Kommt es doch noch zum Einsatz von Bodentruppen? Auf Charg? Der Kampf um die Meerenge entwickelt sich zu einer großen Schlacht, mit jedem Tag verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft.

Der Iran als Ganzes kann nicht Ziel von Bodentruppen sein. Das würde eher einen blutigen Bürgerkrieg hervorrufen als verhindern helfen.

Die Bevölkerung muss die Amerikaner als Befreier feiern können.

Die geistig-politische iranische Führung ist in ‚Hardliner‘, welche die islamische Revolution, religiös überhöht, fanatisch verteidigen werden, und die ‚Moderaten‘ um Präsident Peseschkian gespalten, die für einen neuen Regierungsstil und ein Ende der Feindseligkeiten mit den USA bereit sind (Tagesspiegel laut einem Bericht der ‚New York Times‘).

Bei den Moderaten werden auch die Namen des früheren Präsidenten Rouhani und der Enkel des Revolutionsgründers Hassan Khomeini genannt.

Verhandlungen sind also möglich, aber schwierig anzubahnen.

Inzwischen hat die israelische Luftwaffe gezielt zwei weitere „Männer des Systems“ ausgeschaltet: den Sicherheitschef Laridschani und den Brigadegeneral Soleimani (17. März).

Verhandlung und Krieg, Drohung und Vernichtung bleiben weiterhin dicht und verwickelt ineinander verwoben – im Iran wie in der Ukraine.

Kein Kissinger-Moment

Kriege gebieren nicht nur Kriege, sie halten auch bittere Lektionen bereit, wie sie zu führen sind. Das gilt heute vor allem für den Drohnenkrieg. Führend darin sind die Ukrainer, die sogar ohne Marine die berühmte Schwarzmeerflotte mit neuartigen Drohnen vertrieben haben.

Die Europäer und sogar die Amerikaner können davon lernen.

Ein Angebot der Ukraine haben letztere hochmütig abgelehnt, das war ein taktischer Fehler.

Dass die USA einen Keil zwischen Russland und China, seinem erklärten Hauptkonkurrenten puncto globaler Führungsanspruch treiben könnte dadurch, dass es Putin entgegenkommt, ist eine Illusion.

Den einen Kissinger-Moment haben wir historisch gerade nicht!

Kissinger/Nixon konnte mit China gegen die Sowjetunion diplomatisch spielen, weil es einen echten sino-sowjetischen Bruch gab: militärisch der Ussurikonflikt (1969), ideologisch zwischen Chruschtschow und Mao.

Heute müsste Washington Russland von China lösen, obwohl beide bereits zunehmende gemeinsame Interessen gegen den Westen praktizieren, auch im Iran und Venezuela und vielen anderen Schauplätzen der Erde.

Das ist geopolitisch eine deutlich schlechtere Ausgangslage. Dazu kommt, dass Nordkorea weiterhin munter und unbehelligt seine gefährlichen Raketen gegen Südkorea, Japan und die USA testet. Russland, China und Nordkorea sind nicht nur in einer strategischen Partnerschaft, sondern in einem globalen (Zivilisations-)Krieg verbunden, der jederzeit, von Europa unbemerkt, in einen neuen Korea- bis Weltkrieg übergehen kann.

Bildnachweis: Agentur Medienlabor (AI-generiert)