Evidente Wahrheiten

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Der wichtigste Satz der Geschichte, zumindest der westlichen politischen Zivilisation, stammt aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776.

Er lautet: „Wir halten diese Wahrheiten für offenkundig (self-evident), dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten ausgestattet wurden, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach dem Glück“ (siehe Isaacson, The Greatest Sentence Ever Written, 2025). Walter Isaacson hatte schon eine Biographie von Benjamin Franklin geschrieben (An American Life, 2003).

„Wir“ – das waren zunächst Thomas Jefferson, John Adams und Benjamin Franklin. Dann die 65 Delegierten des Kontinentalkongresses der britischen Kolonien in Nordamerika, die das Dokument unterschrieben haben, in dem erstmals von den Vereinigten Staaten von Amerika die Rede war.

Das Volk, in dessen Namen sie sprachen, gab es noch nicht. Der blutige Unabhängigkeitskrieg sollte noch sieben Jahre dauern.

41 der Delegierten besaßen Sklaven, und sie dachten nicht daran, ihnen die gottgegebenen Rechte zu geben, ebenso wenig den Indianern, gegen die sie Krieg führten, und den Frauen.

Und doch wirkt diese Passage bis heute!

Martin Luther King berief sich 1963 auf sie.

Die amerikanische politische Tradition wurde nicht nur von Philosophen und Staatsmännern, Druckern und Zeitungsredakteuren, sondern auch von Sklaven geschaffen, die rebellierten – immer wieder (Lepore, S. 99).

Auf den wichtigsten Satz folgt ein ebenso wichtiger über die Regierung, die zur Sicherung jener Rechte eingeführt wird und auf der Zustimmung der Regierten beruht (John Locke, Über die Regierung, 1689).

Auch der Staat dient der Freiheit und der Demokratie seiner Bürger. Als abwählbare Regierung, die auf Meinung beruht, kann er sein Vertrauen und damit seine Legitimität verlieren. Liberal gedacht gibt es keinen überhöhten Staat als Herrschaftssystem wie in wirkmächtigen französischen und deutschen philosophischen Traditionen. Doch bedeutet er mehr, als die libertären Staatsverächter (Milei, Musk u. a.) denken, denen der Sinn für sozialen Ausgleich fehlt.

Oder mit dem Verfassungsphilosophen Montesquieu gesprochen: Es gibt keine Freiheit ohne Sicherheit und Gewaltenteilung.

Was bedeutet es also heute, Bürger einer Demokratie in einem zuverlässig funktionierenden Rechtsstaat zu sein? Das ist die Frage, die uns akut erneut umtreibt.

Deswegen ist die Geschichte der Vereinigten Staaten über „diese Wahrheiten“ bis heute so lehrreich (siehe ausführlich auf mehr als tausend Seiten Jill Lepore, New York 2018, München 2021, 6. Auflage).

Drei politische Ideen

Die evidenten Wahrheiten sind drei politische Ideen:

  • die politische Gleichheit
  • naturgegebene Rechte
  • Volkssouveränität

„Wir erachten diese Wahrheiten als heilig und unbestreitbar“, schrieb Thomas Jefferson.

Nachdem Benjamin Franklin Jeffersons Entwurf gelesen hatte, schlug er vor, „diese Wahrheiten“ statt „heilig und unbestreitbar“ „selbstverständlich“ zu nennen (Lepore, S. 13).

Wahrheiten, die selbstverständlich sind, sind Naturgesetze, empirisch beleg- und beobachtbar, mithin ein Thema der Wissenschaft im Sinne von science. Heilige und unbestreitbare Wahrheiten sind hingegen ein Thema der Religion.

„Diese Spaltung hat die Republik beinahe zerrissen“ (Lepore, S. 12).

Die wahre Kontroverse spielt sich jedoch nicht zwischen Jefferson und Franklin ab, so Lepore, die beide auf ihre Weise versuchten, Glaube und Vernunft zu versöhnen, wie wir alle das bis heute tun – mit jeweils unterschiedlichen Gewichtungen.

Daraus werden wir nie ganz entkommen.

Die wahre Kontroverse, und darin hat Lepore recht, besteht jedoch zwischen diesen Wahrheiten und dem Gang der Ereignisse.

Bestätigt die amerikanische Geschichte diese Wahrheiten oder widerspricht sie ihnen?

Das ist die angemessene und produktive Frage, mit der sich die politische Theorie lehrreich beschäftigen kann und muss.

Bevor das amerikanische politische Experiment begann, betrieben die Männer, welche die Unabhängigkeitserklärung (1776) und die Verfassung (1787) schrieben, umfangreiche historisch-politische Studien.

Sie fragten sich selbst, wie schon Machiavelli und Montesquieu, was aus der Geschichte zu lernen ist.

Ihr Engagement für die Zivilreligion der Gleichheit (Tocqueville) wurzelt ebenso im Christentum wie im Engagement für das Untersuchen und Nachfragen:

„Sie glaubten, dass die Wahrheit in Vorstellungen zur Moral, aber auch im Studium der Geschichte zu finden ist“ (Lepore, S. 14).

Die Reihenfolge Ideengeschichte und politische Theorie bleibt weiterhin grundlegend richtig und wichtig.

Im Handeln und Gegenhandeln von Personen wird sie offenbar, nachvollziehbar sowie bestreit- und anfechtbar.

Das ist eine Schule der Urteilskraft.

Neu für die Gründung dieser aussergewöhnlichen Nation war auch die Betrachtung der Geschichte als eine „Frucht des Prüfens“.

Dabei ist das Verständnis der Vergangenheit von Glaubensfragen zugunsten einer empirisch-analytischen Haltung zu trennen. Was nicht heisst, dass Glaubensfragen und Emotionen keine Rolle in der politischen Theorie spielen.

Im Gegenteil.

Gerade in der Politik als permanentem liberal-demokratischem Kampf um Zustimmungsbereitschaft, bei der die Medien in der Moderne immer (über)mächtiger geworden sind, haben sie eine unterschätzte und die Inseln der „Diskurse“ (insbesondere in Deutschland) im Meer der Praxis eine überschätzte Bedeutung.

Aber wir müssen der Vergangenheit, auch der jüngsten, empirisch mit Skepsis begegnen können – im Geiste der schottischen Aufklärung eines David Hume (1711–1776).

Ansonsten lernen wir nicht; wir brauchen die Geschichte als Korrektiv, um aus dem engen Gefängnis unserer erhitzten Gegenwart entkommen zu können.

Historische Anfänge sollten nicht als Rechtfertigung für Endzwecke betrachtet werden, sodass eine fixierte Vergangenheit Gegenwart und Zukunft determiniert, sondern um sie zu hinterfragen – mit Beweismaterial.

Umso wichtiger wird ein rüstiger Common Sense:

„Ich trage nichts anderes vor als einfache, klare Argumente und gesunden Menschenverstand“ (Paine, 1776).

Aus eigener Anschauung gewonnene Beweise waren für Thomas Paine, den amerikanischen Philosophen der Revolution, und James Madison, den Architekten der Verfassung, das Wichtigste.

Heute würde man sagen: statt Ideologie.

Die evidenten Wahrheiten sind für sie Tatsachen zum Beweis der eigenen Unabhängigkeit.

Es ist die potenziell für alle verständliche, nicht übertrieben exaltierte und rechthaberische Sprache der behutsamen Vernunft, der beharrlichen Aufklärung, der Forschung und der Geschichtsschreibung.

Sie darf nicht in herablassende Arroganz umschlagen.

Wie vermittelt auch immer, muss sie heute mit weit mehr argumentativer Sorgfalt und Stärke (statt moralischen Verdikten und Verboten) in den Wahlkämpfen zum Ausdruck kommen – breit und beharrlich.

Demokratie geht in Demoskopie nicht auf.

Die evidenten Wahrheiten sind weder nur Glaubensartikel noch lediglich Fiktionen.

Der Weg der Geschichte handelnder Personen ist vielmehr unbequem, anstrengend und keineswegs geradlinig.

Amerika wurde so zu einem neuen Anfang für die Welt (Locke).


Bildnachweis: Wikimedia Commons, United States Declaration of Independence (William Stone Facsimile, 1823), Public Domain.