Europäischer Universalismus?

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„Siebzig Jahre Wohlstand und Sicherheit haben in Europa nicht gerade zu einem Zuwachs an staatspolitischer und strategischer Kompetenzen geführt“ (Pietzcker, Berliner Zeitung, 31.12.25).

Was heißt das genau? ‚Staatspolitisch‘, ‚geostrategisch‘?

Die europäischen Gesellschaften sind selbst “ inmitten einer Phase des inneren Kulturkampfes, der enorme politische, intellektuelle und kulturelle Ressourcen bindet und ungeahnte Zentrifugalkräfte freisetzt. Der Nationalismus, von dem man lange glaubte, er sei von Brüsseler Institutionen friedlich absorbiert worden, kehrt wieder in die Mitte der politischen Arena zurück“ (a.a.O.).

Diese Erkenntnis ist nicht neu: seit Jahrzehnten sprechen wir inflationär und etwas verlegen von ‚Populismus‘, der eine Reaktion auf die „Entwertung der NATIONALSTAATEN“ durch zunehmende europäische Verrechtlichung ist (Manow).

NEU ist allerdings die Erkenntnis, „dass die permanenten Stresstests der Weltpolitik den Europäern über den Kopf gewachsen sind. Europa setzt nicht den Ton, sondern sucht weiterhin nach der passenden Melodie“ (a.a.O.).

Interessant ist der Befund, dass die europäische Krise erstmalig „nachchristlich und nachaufklärerisch ist“ (a.a.O.).

Von ihm gehen wir aus. Wir müssen selber denken.

Europäische Traditionen

Europäische Traditionen gibt es nicht nur mehrere, sie werden zudem verschieden interpretiert.

Interpretation ist der philosophischen Hermeneutik zufolge immer auch Anwendung und Fortführung, so dass wir uns bei Traditionen nie nur in der Vergangenheit aufhalten, sondern immer ebenso in der lebendigen Gegenwart, von der die Horizontverschmelzung ausgeht (Gadamer).

Die Problematik der Herangehensweise über Traditionen liegt darin, dass sie in sich vielfältig und interpretationsbedürftig sind: sie ändern sich und ihr Bewusstsein kann verloren gehen, sie können aber auch wieder aufgenommen und neu erfunden werden.

Diese Problematik können wir anhand von drei UNSTRITTIG großen Traditionslinien in Europa erörtern:

– der griechisch-römischen Tradition;
– der jüdisch-christlichen Tradition und
– der Aufklärungstradition.

Griechisch-römische Tradition

Bei den alten Griechen als “ Neubeginn der Weltgeschichte“ finden wir eine polisartige Kultur der Freiheit mit wenig Machtdelegation. In einer solchen Kultur konnte das Politische als Handeln-Können erfunden und mit der Idee von Bürgerschaft (demos) verknüpft werden (siehe dazu Christian Meier, 1980, 1995, 2005). Auf diesem Boden wurden die ersten Verfahren der Demokratie eingeübt.

Von Rom ausgehend bleibt dagegen die Tradition des Römischen Rechts prägend. Dazu kommen politische Konzepte wie die Republik, Herrschaft und Imperium. Die zwei politischen Kulturen der Freiheit und Herrschaft finden ihre Nachwirkungen und Modifikationen bis in unsere Zeit hinein. Ich folge hier Kleger, Gibt es eine europäische Zivilreligion? Potsdam 2008, reflektiere die dortigen Überlegungen noch einmal und spitze sie zu.

Das Motto, „die Verfassung, die wir haben (…) heißt Demokratie, weil der Staat nicht auf Wenige, sondern auf die Mehrheit ausgerichtet ist“, stammt aus Perikles‘ berühmter Gefallenen-Rede, die eine Rede auf die Stadt Athen war (in: Thukydides, Der Peloponnesische Krieg). In dieser Rede geht es vor allem darum, was man für die Stadt leisten kann und worauf letztlich ihre Größe beruht. Von Bürgermut, der sich als Handlungsmut manifestiert, wird häufig gesprochen, da die Macht der Stadt auf diesen Eigenschaften beruht.

Dabei rangiert der Einsatz für das Gemeinwesen höher als alles andere, selbst als die Hoffnung, der Armut entfliehen und Reichtum erlangen zu können. Der Virus Reichtum oder das liberale Aufstiegsversprechen hat diese Bürger noch nicht erfasst, welches die politische Moderne in atemloser Bewegung hält

Das wahre Glück liegt vielmehr in der wehrfähigen Freiheit, die Ruhm für die Stadt verheißt. Schmerzlich dagegen ist die Schmach der Feigheit. Dies geht einher mit einer starken Wir-Identifikation der Bürgerschaft, in deren Lücken heute der neuzeitliche Staat springt. Die Vorzüge und Nachteile der antiken Demokratie gegenüber der bequemen modernen

Wohlfahrtsstaatsbürgerschaft werden immer wieder diskutiert.

Varianten der Bürgerreligion

Perikles findet noch einen immanent tröstenden Sinn, ohne auf die Transzendenz der Religion verweisen zu müssen. Die griechische Bürgerreligion als Antriebskraft einer partizipatorischen Demokratie von Wenigen ist historisch eine erste Variante von Bürgerreligion. Sie bezieht sich auf die Polis und traut den launigen Göttern nicht, weswegen sie vor allem auf den Handlungsmut ihrer Bürger setzt.

Objekte der zivilreligiösen Selbstverpflichtung sind heute hauptsächlich nationalstaatliche Republiken. Deshalb gibt es Bürgerreligion nur im Plural. Zwei Typen nationaler Bürgerreligion haben indessen als Folge und Ausdruck zweier welthistorischer Revolutionen, welche die westliche politische Zivilisation nachhaltig beeinflusst haben, paradigmatische Bedeutung: die amerikanische und die französische Bürgerreligion.

Das neue Europa nach 1945 und das osteuropäisch erweiterte Europa nach 1989 hatte viel mit der atlantischen Revolution, welche die europäischen Gesellschaften zivilisiert (‚amerikanisiert‘) hatte, zu tun. Zu dieser Zivilisierung gehört die amerikanische Zivilreligion vom Bund zum Bündnis (als Ausdruck einer atlantischen Zivilreligion, Präsident Biden sprach von einer „heiligen Verpflichtung“). Der Einzug der USA in die europäische Politik vollzog sich als Kreuzzug für die höhere Moralität von Freiheit und Demokratie. (Siehe Dwight D. Eisenhower, Crusade in Europe, New York 1948.)

„Der von den Vereinigten Staaten inspirierte fundamentale Neuanfang nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs war der entscheidende WENDEPUNKT in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Das Zusammenwachsen Europas, das mit dem Marshall-Plan begann, ist vor allem eine große europäische Erfolgsgeschichte. Sie ist aber auch ein Ergebnis kluger amerikanischer Außenpolitik. Und sicherlich wäre die Wiedervereinigung Deutschlands nicht gelungen, wenn nicht der amerikanische Präsident George Bush so vorbehaltlos und gradlinig das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes unterstützt hätte“, so Kanzler Schröder, Partner für das 21. Jahrhundert, FAZ 19.1. 2001.

Jüdisch-christliche Tradition

Bei der zweiten großen Traditionslinie erhält sich der Streit der Interpretationen bis in unsere Tage hinein und das trotz fortschreitender Ökumene. Es ist noch nicht einmal selbstverständlich, von jüdisch- christlicher Tradition zu sprechen. Dazu kommt die Trennung zwischen protestantischen und katholischen Auffassungen von Christentum und Kirche. Das sogenannte ‚christliche Erbe‘ ist deshalb in der EU nicht zufällig am meisten umstritten – schon im Grundrechtekonvent, dann wieder im Verfassungskonvent und den darauf folgenden Diskussionen in den einzelnen Ländern.

Das christlich geprägte Europa wird in ihnen unterschiedlich akzentuiert, Dabei ging es im Verfassungstext sowohl um die Anrufung Gottes als auch um die explizite Erwähnung des Christentums. Für die Anrufung Gottes als Grenzziehung gegenüber den Anmaßungen politischer Macht hätte es einen tragfähigen Kompromiss gegeben, der allerdings schon im Konvent (als Labor) verworfen wurde. Er stammte aus der polnischen Verfassung von 1997.

Einen ähnlichen Vorschlag unterbreitete der amerikanische Verfassungsrechtler Weiler: „Vereint im Glauben an die Grundrechte, aber geteilt in der Auffassung über Fundament und Quelle dieser Auffassung“(2003). Die Formulierung ‚Glaube an die Grundrechte‘ ist aufschlussreich, die unabhängig vom differenten konfessionellen Hintergrund ein Ausdruck von liberal-aufgeklärter Bürgerreligion sein könnte. Es gibt sie auch ohne Gott.

Der französische Laizismus, dessen Handschrift die Präambel trägt, versucht dagegen mit seiner Beschwörung der ‚valeurs rèpublicaines‘ (Freiheit, Gleichheit, Vernunft) den spezifisch christlichen Traditionen auszuweichen. Diese republikanischen WERTE mit französischer Betonung folgen einem starken Voluntarismus und wollen „in die Welt hineinwirken“(Präambel 1), womit eine zivilisatorische Missionskonkurrenz entsteht.

Vor dem Hintergrund des Irak-Krieges 2003 führte dies umso mehr dazu, die christlichen Wurzeln und Prägungen des Kontinents und damit auch die europäisch-amerikanische Zivilreligion bzw. die atlantische Zivilreligion zu verdrängen. Im Grunde hat sich darin bis heute nichts verändert, vielmehr hat sich die Kluft aufgrund neuer weltpolitischer Konstellationen vergrößert. Siehe dazu den Blog „Europa als geopolitischer Akteur?“ vom 2. Januar 2026.

Aufklärung

Der Katalog dessen, was wir dem Zeitalter der Aufklärung verdanken, ist ebenso groß wie die Errungenschaften und Spuren der griechisch-römischen und jüdisch-christlichen Tradition. Einiges davon ist für die aktuelle schnelle Gegenwart ganz besonders in geltungsbekräftigender Absicht zu wiederholen, vor allem die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte.

Auch in Bezug auf die Aufklärung müssen wir uns indessen in aufgeklärter Eklektik üben, zumal die Eklektik selber eine aufklärerische Tugend par excellence ist. Der Organisator der Enzyklopädie Denis Diderot sagt über sie in einem mehrseitigen Artikel, der Eklektiker ist ein Philosoph, der wagt, selbständig zu denken; er ist ein Mensch, der sammelt und sieht. Er denkt nicht schülerhaft angepasst, sondern selbstbewusst und selbständig.

Dabei handelt es sich um keinen neuen Ismus ansatzbezogenen Denkens, sondern es wird versucht, historisches Bewusstsein mit (GEISTES-)Gegenwärtigkeit zu verbinden. Das benötigen wir heute, um die turbulente Welt neu wahrnehmen und die eigene Urteilskraft stärken zu können.

Dazu passt die aufklärerische Minimalformel, die Daueranspruch erheben darf: Sapere aude – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Im historischen Rückblick erkennen wir deutlicher liberale und totalitäre Stränge der Aufklärung, die durch vermeintlich bessere Ziele die Massen verführen. Ebenso nötig wie Aufklärung ist deshalb die Aufklärung über Aufklärung.

Um Aufklärung und Gegenaufklärung gibt es seit je den Streit der Philosophen, der kaum zu schlichten ist. Gegenwärtig und aktuell ist auch der Streit um die Position der Aufklärung im Prozess der Aufklärung, der von Rechthaberei und Vorurteilen entgiftet werden kann und muss. Weniger das Was als das Wie der Aufklärung ist heute das Problem, etwa im Streit um den Islam oder die Migration und die Integration.

Es gibt historisch-philosophisch eine englische, schottische, französische, amerikanische, deutsche und andere Variante von Aufklärung. Viele Aufklärer wären damals am liebsten Holländer gewesen, die als die tolerantesten Europäer galten (Amsterdam zehrt noch heute davon), denn die Welterfahrung durch Reisen und Handel sowie die Disposition zur Toleranz bedingen sich.

Die große Öffnung in die weite Welt im Aufklärungszeitalter geht über die humanistische Optik hinaus. Es handelt sich um ein aufklärungsbedingtes Toleranzdenken, das im forschenden Vergleich eine kontinentale Bewusstseinserweiterung bedeutet. Die Aufklärung in Europa blieb nicht europazentriert.

Die Kritik am Universalismus der Aufklärung wirft dieser die Expansion europäischer Interessen und Lebensformen vor. Diese Kritik ist berechtigt und europäische Selbstkritik und Selbstkorrektur sind notwendig. Die Kritik am Universalismus der Menschen- und Bürgerrechte als partikularistisch ist aber auch überschießende Kritik.

Der Menschenrechts-Universalismus bot und bietet den Opfern des europäischen Kolonialismus eine Handhabe zur kritischen Einforderung einer nicht nur menschenwürdigen, sondern darüber hinaus national und sozial eigenständigen Existenz und Entwicklung.

Ist es ein Zufall, dass die wirkungsmächtigsten Kritiker der Menschenrechte aus China und islamistischen Kreisen stammen?

Bildnachweis: Agentur Medienlabor