Europa gibt der Welt gerne ein Beispiel, jüngst die EU mit dem Green Deal 2019, klimaneutral bis 2050.
Dieses EU-Europa der 27 ist ebenso schwerfällig und umständlich wie zuweilen aktivistisch und übergriffig (als Staat über den Staaten).
Es ist reformbedürftig und unter gewaltigem Druck.
Es soll nicht Spielball der Großmächte werden, die es gleichzeitig attackieren von Russland, China und sogar dem ehemals wohlwollenden Hegemon USA aus, der es nach dem furchtbaren Zweiten Weltkrieg wieder zu Frieden und Wohlstand führte.
Ist Europa also noch ein eigenständiger geopolitischer Akteur in einer neuen weltpolitischen Konstellation – wirtschaftlich, politisch und kulturell?
Europäisierung und Weltzivilisation
Man spricht historisch-philosophisch auch von ‚Europäisierung‘ und meint damit den „positiven Fortschritt“ in der Welt hin zu einer modernen Gesellschaft durch moderne Technik und Wissenschaft (Ritter, Europäisierung als europäisches Problem, 1956).
Der Philosoph Joachim Ritter, der aus Nazi-Deutschland emigrierte und 1933-35 an der Universität Istanbul lehrte, reflektiert diese Thematik der westlichen Modernisierung und ihrer Folgen von der modernen Türkei aus. Seine Überlegungen sind unvermindert aktuell.
Die spannungsvolle moderne Welt als ‚Weltzivilisation‘ bedeutet zugleich Ausbreitung der Europäisierung über die alte abendländische Welt hinaus. Schon für Hegel repräsentiert Amerika die Zukunft dieser Welt, die mit dem alten Europa nicht mehr identisch war. Herkunft und Zukunft treten auseinander, und das zukunftsgläubige stets handlungsoptimistische Amerika treibt diesen Bruch noch voran. Es wird buchstäblich zum „Land der Möglichkeiten“.
Diese Entwicklung erweitert sich seit den 50er Jahren mit der Amerikanisierung der europäischen Gesellschaften und darüber hinaus. Die alte Weltgeschichtsschreibung wird im 19. Jahrhundert aufgelöst, und die neue Zeitgeschichtsschreibung wird zu einer komplexen atemlosen Geschichte der „Westernisierung“ mit ihren jeweils neuesten Moden und Trends in oft rasanter Beschleunigung und Medialisierung, „Anschlussfähigkeit“ wird nicht zufällig zum Zauberwort.
Gibt es den Westen noch?
Inzwischen stellt sich die politisch brisante Frage, ob es „den Westen noch gibt“?
Gegenüber Russland, China und Islamismus!? FEINDE schaffen Einheit und Integration.
Übertriebene dekonstruktivistische Denkansätze dagegen behaupten sogar, es hätte den Westen nie gegeben, er sei eine Erfindung der globalen Welt (so Quinn, Der Westen, 2025).
Für Europa ist diese Frage 2025 ganz konkret, verteidigungs- wie wirtschaftspolitisch, zur Überlebensfrage geworden, die sich im Dezember noch einmal zuspitzt:
KONKRET geht es um das Überleben der Ukraine mit dem 90 Milliarden Kredit und das Welthandelsabkommen ‚Mercosur‘ („der gemeinsame Markt des Südens“), welches für Freihandel und Wohlstand, mithin buchstäblich die Werte Europas, steht, das 26 Jahre lang verhandelt wurde, die größte Freihandelszone der Welt.
Bevor wir auf die aktuell zugespitzte Lage noch einmal zurückkommen, bleiben wir im Grundsätzlichen, das zu wenig bedacht wird.
DENN die Spannungen und Widersprüche sind in der gegenwärtigen Realität zweifelsohne noch größer und aufdringlicher geworden, so dass auch Hegels Lösung und Ritters Philosophie der Bürgerlichkeit als „Positivierung der Entzweiung“ (zwischen Herkunft und Zukunft) vor einer zerreißenden Bewährungsprobe stehen.
Wie sehr sich das Gesicht der modernen Welt verändert hat, zeigt sich nirgendwo deutlicher als bei der Stadtsucht der „großen Stadt“ (Joachim Ritter, Die große Stadt, 1960). Das ist die supermoderne Spannung zwischen den Versprechen der Urbanität und der realen Urbanisierung als Spitze der gesellschaftlichen Modernisierung. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts war Berlin noch eine der größten Städte der Welt, ein Labor der Moderne wie London, Paris und Wien.
Inzwischen sind die Megacities nicht mehr in Europa und auch nicht in Amerika. Die Megalopolen liegen in China, Indonesien und Indien. Chongqing hat 32 Millionen Einwohner. Der (europäischen) politischen Urbanität stellen sich damit ganz neue riesige Herausforderungen – planerisch, architektonisch, verkehrstechnisch, im dichten Zusammenleben vieler Menschen, dazu kommen die wachsenden Slums (siehe Kleger, Lomsky, Weigt: Von der Agglomeration zur Städteregion, Berlin 2006).
Sie sprengen alle Dimensionen, Parameter und Begriffe.
‚Philosophie‘ und ‚Staat‘
„Positivierung der Entzweiung“ bedeutet für die praktische politische Philosophie in der Tradition von Aristoteles und Hegel, dass ‚ Philosophie und ‚ Staat ‚ geistig und politisch verhindern, dass die Zukunft die Herkunft (Progressismus) oder die Herkunft die Zukunft (Restauration) negiert (Marquard, S.449, Nachwort in, Ritter, Metaphysik und Politik, erw. Neuausgabe 2003).
Es geht bei der praktischen Philosophie nicht um Identität, Heil oder Fundamentalismus welcher Observanz immer. Sie ist geschichtsphilosophisch bescheidener und erkenntnistheoretisch skeptischer als Form beharrlicher Aufklärung mit Wirklichkeitssinn.
Vielmehr geht es um das Ertragen von Widersprüchen und das Doppelleben als „Herkunfts- und Zukunftsmenschen“, das zu lernen ist (Marquard) – national, europäisch und weltzivilisatorisch. Man könnte auch sagen: Es geht um die schwierige Äquilibristik des modernen Bürgers und der Bürgerin in ihren verschiedenen Rollen und Aspekten, was lebensweltlich wie politisch- ökonomisch bedeutsam ist.
Das ist ‚bürgerlich‘ oder ‚liberaldemokratisch‘, denn wir müssen unterscheiden zwischen Bürgertum als sozialökonomischer Schicht, Bürgerlichkeit als kultureller Habitus, einschließlich bestimmter Verhaltensformen des Anstandes und des Takts, sowie der Bürgerschaft als ‚demos‘ auf verschiedenen Ebenen und Orten als kollektive Selbstbestimmung einer ausbaufähigen und vielfältigen Demokratie.
Wenn von „europäischer Lebensart“, die in der Ukraine verteidigt wird (Selenski), explizit gesprochen wird oder von der Wehrfähigkeit für „Freiheit in Frieden“ in den einzelnen Ländern kommt dies verdichtet zum Ausdruck. Im Zentrum steht die Freiheit, die uns Lebenschancen wählen lässt, weshalb man weltweit in die Städte zieht, und die liberale Demokratie, die primär verfahrensorientiert ist.
Das liberal-bürgerliche Philosophieren in diesem Sinne ist mit der Macht der sanften Reflexion eine Bewegung des Friedens, die mit der “ eigenen Wirklichkeit“ und darin „vorhandener Vernunft“ versöhnt („auch und gerade der Bundesrepublik“, Marquard, a.a.O.).
2025 versteht man das hoffentlich wieder besser und angemessener als in den 80er Jahren. Die Verteidigung des liberalen Staates ist weder links noch rechts, siehe dazu die Blogs vom 17. und 24. November 2025.
Liberaler Staat bedeutet einen starken Staat punkto äußerer wie innerer Sicherheit als absoluter Kernaufgabe gegen die Extreme, der sich gleichwohl begrenzen kann und bei seiner nötigen Verteidigung von Freiheit und Sicherheit nicht seinerseits übergriffig und autoritär wird. Das ist gegenwärtig gewiss keine leichte politische Aufgabe, die viel konkrete Urteilskraft, Mut und Ausdauer erfordert.
Die Lage spitzt sich zu: auf der einen Seite Krieg oder Frieden, auf der anderen Seite der Staat und seine Ordnung als Argument.
Das ‚illiberal -Werden‘ unserer Demokratie ist die ausdrückliche Strategie des neurechten russischen Philosophen Alexander Dugin und seines internationalen Netzwerks (siehe den Blog Was heißt Vierte Politische Theorie? 2. Mai 2023).
Ihre Hauptfeinde sind das liberale Denken, der Wert des Einzelnen und des Individuums, die moderne gemischte demokratische Stadt sowie und nicht zuletzt die Supermacht USA, die für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht und verleumdet wird.
Zur politischen Destabilisierung gehört ebenso ein verwirrender Weltanschauungskrieg, damit alles aus dem Ruder läuft. Das ist nicht neu, aber die Inhalte, denen man sich stellen muss, sind neu. Das „dekadente Europa“ wurde schon immer angegriffen, und die Liberalen, die es geistig und politisch verteidigten, haben Recht behalten (Aron).
Auch dem Antiamerikanismus, „Amis go home“, sollten wir, zumal in Deutschland nicht auf den Leim gehen. Es bleibt eine Beziehung zwischen Bewunderung und Kritik, Vorbild und Abscheu.
Amerika und Europa
Die neue amerikanische Regierung unter Trump macht es allerdings nicht einfach, ihre „Nationale Sicherheitsstrategie“ hat im Dezember für zusätzliche Aufregung gesorgt.
Europa wird darin als ein Kontinent im NIEDERGANG beschrieben, der die freie Meinungsäußerung zensuriert und die politische Opposition unterdrückt. Damit hat schon Vizepräsident Vance an der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025 irritiert, um nicht zu sagen: schockiert, zumal er ostentativ auch Alice Weidel empfing. Außenminister Rubio hat diese Linie der Kritik am 19.12.2025 noch einmal bekräftigt.
HateAid muss sich dennoch von den USA nicht einschüchtern lassen. Der Würzburger Rechtsanwalt Jun, der die Politikerin Künast verteidigt und Facebook verklagt hat, bekommt 2022 den Max-Dortu-Preis für Zivilcourage und gelebte Demokratie der Stadt Potsdam.
Die Zeit der Reeducation ist vorbei, deren Musterschüler die Bundesrepublik war („Weltmacht Habermas“). Wir durchleben gerade eine andere Zeit, die eine neue Wahrnehmung und Geistesgegenwart verlangt.
Abstürzende Geburtenraten, der Verlust nationaler Identitäten und fehlendes Selbstbewusstsein werden im Strategiepapier benannt, das alle vier Jahre neu erstellt wird.
Russland, das einen hybriden Krieg gegen Europa führt, wird als Bedrohung in ihm nicht mehr erwähnt wie noch 2014.
Stattdessen ist explizit von „zivilisatorischer Auslöschung Europas“ die Rede.
Im „Politico-Interview“ spricht Trump von zwei gravierenden Fehlentscheidungen Merkels: der Massenmigration 2015 und dem schnellen Ausstieg aus der Kernenergie. Er wirft den Europäern in ihrem Übermaß an politischer Korrektheit vor, „viel zu reden und wenig zu liefern“.
Immerhin hat Deutschland nun dem Bundesnachrichtendienst (BND) die Kompetenzen erteilt, mit Gegenspionage und Sabotage auf hybride Angriffe zu reagieren, und eine Drohnenabwehrtruppe aufgebaut. Richtig so. Die Nato-Ostflanke wird verstärkt. Finnland, Estland und Polen bauen zudem ihre Grenzen kräftig aus.
Damit kommen wir zu den aktuellen Schwierigkeiten, welche die Trump-Regierung mit den Europäern bei der Beendigung des Ukraine-Krieges hat – und umgekehrt.
Von der Entschlossenheit der Frontstaaten Ukraine, baltische Staaten, Polen und skandinavische Staaten wird es abhängen, wie weit Russland gehen wird. Die eigene Verteidigungsfähigkeit ist dabei immer noch die beste Sicherheitsgarantie. Die Abschreckungsfähigkeit des Verteidigungsbündnisses Nato ist inzwischen ebenso wieder gegeben, es besteht kein Grund zur Panik.
Große Länder wie Frankreich, Großbritannien und Deutschland können indes wirtschaftlich und politisch gelähmt sein und zu wenig in der Lage, die Ausfallbürgschaft für die USA zu übernehmen.
Der geopolitische Abstieg Europas wird weitergehen, obwohl 80.000 amerikanische Soldaten in Europa stationiert bleiben und der nukleare Atomschirm funktioniert. Das ist in beiderseitigem Interesse und kann nicht ersetzt werden.
Der Nato-Generalsekretär hat keinen Zweifel an der BÜNDNISTREUE der USA, trotz deren strategischer Hinwendung nach Asien, die schon Clinton und Obama eingeleitet hatten.
Fast täglich kommt es dort zu Beinahe-Kollisionen in der Luft und auf den Meeren. CHINA eskaliert und provoziert unverhohlen, und Nordkorea baut weiterhin seine gefährlichen Raketen. Die Aufrüstung von Japan, Südkorea und Taiwan ist massiv und rasant. Eine Art ’neue Nato‘ entsteht auch hier. Alte Feindseligkeiten werden wieder belebt.
Die Welt, die man heute neu sehen muss, darin liegt unsere Überforderung, geht weit über Europa hinaus, was Europa selber betrifft, eingezwängt zwischen Russland, dessen Kriegston sich antieuropäisch und antideutsch verschärft hat, und der staatskapitalistischen Systemkonkurrenz aus China, das seine strategische Partnerschaft mit Russland gezielt weiter ausbaut, nach Nordkorea eingeschlossen.
Die amerikanische Kritik gegenüber Europa wiederum ist unfreundlich, schonungslos und voller Verachtung, aber nicht feindselig:
„Wir wollen, dass Europa europäisch bleibt, sein zivilisatorisches Selbstbewusstsein wiedererlangt und fehlgeleitete Fokussierung auf überbordende Regulierung aufgibt.“
Man muss dabei berechtigte und unberechtigte Kritik unterscheiden und darüber streiten können, so schwer das ist und Trump-Bashing leichter fällt.
So viel ‚Weltpolizei‘ auf einmal war selten: die Hamas in Gaza entwaffnen, IS-Terroristen in Nigeria bombardieren, die Diktatur in Venezuela bekämpfen. Die Friedensnobelpreisträgerin Machado bezeichnet Trump als „Champion der Freiheit“. Ein „Isolationist“ ist er nicht.
Die zügige Beendigung der Auseinandersetzungen in der Ukraine und die Arbeit an einem nachhaltigen politischen Frieden ist im europäischen und amerikanischen Interesse. Am 28. Dezember trifft Selenski Trump in Florida, um neue Vorschläge für einen Waffenstillstand zu besprechen.
Just zuvor sendet Putin imperativ militärische Signale in Uniform: der Donbass muss übergeben werden. Generalstabschef Gerassimow verkündet neue Siegesmeldungen von der Front.
Viele europäische Länder sind in einer politischen Krise gefangen, die nicht zu unterschätzen ist. Ihre Input-Legitimation steht auf wackligen Beinen, die durch Output-Legitimation nicht kompensiert wird.
Die geistig-politische Krise des Liberalismus wiederum (siehe dazu den Blog Postliberalismus vom 25. Oktober 2025) ist eine gemeinsam europäisch-amerikanische, die sich auf die internationale Politik überträgt und es verunmöglicht, die wirklich großen Probleme (Rüstungskontrolle, Armut, Migration, Klimawandel, Terrorismus) einer Lösung zuzuführen.
Schluss:
Das Denken in Einflusssphären ist aktuell:
Grönland an die USA,
Taiwan an China,
Russland an die Ukraine
und die zerstrittenen Europäer als Spielbälle irgendwie dazwischen?
Zwischen Krieg und Frieden, vor schwierigen Entscheidungen,
ihren Weg gemeinsam zu finden, ziemlich orientierungs- und machtlos.
Bildnachweis: IMAGO / Frank Ossenbrink