Die Sprache der Macht IV

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Differenziertes politisches Denken benötigt Klarheit über die Unterschiede und Zusammenhänge zwischen Macht, Herrschaft, Gewalt und Recht, und zwar sowohl in kritischer wie konstruktiver Hinsicht.

Man kann nicht alles in einen Topf werfen. Das hat praktische Auswirkungen. Begriffsklärungen, theoretische Zusammenhänge und deren historische Bezüge sind deshalb zu pflegen, zu reflektieren und zu tradieren.

Das ist gerade für aktive demokratische Auseinandersetzungen und ihre Zivilität wichtig. Ansonsten gerät man schnell auf eine abschüssige Bahn der Kurzschlüsse, Vermengungen und Verdunkelung oder kann sich ihrer nicht mehr erwehren.

Denn Macht ist nicht einfach Macht, Herrschaft nicht einfach Herrschaft, Gewalt nicht einfach Gewalt und Recht nicht einfach Recht. Demokratie ist auch ein Kampf ums Recht, und bleibt ein Streit um Worte. Sprache und Politik bilden einen grundlegenden Zusammenhang, geht es doch ’nur‘ um Plausibilitätsstrukturen, die lebendig bleiben müssen.

Dekultivierung und Entdifferenzierung mit bösen Folgen beginnen mit Worten und Begriffen, die selbst ein verantwortbares politisches Handlungsfeld sind: Man muss wahrnehmen und unterscheiden, um urteilen zu können.

Anhand der französischen Begriffe ‚pouvoir‘, ‚puissance‘, ‚force‘, ‚violence‘, ‚capacité‘ und ihrer lateinischen Ursprünge wollen wir hier die Sprache der Macht ( siehe die Blogs vom 8. April, 13. April und 24. Juli) weiter ergänzen und präzisieren, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Der deutsche Begriff ‚Macht‘ ist semantisch breit und umfasst Bedeutungen, die im Französischen und Lateinischen feiner nuanciert sind. Daran wollen wir anknüpfen.


1. Pouvoir

Etymologie: von lat. ‚potere‘, können, vermögen

Bedeutung: institutionalisierte, legale und/oder legitime Herrschaftsgewalt (z. B. Staatsmacht)

Deutsche Entsprechung: Macht im Sinne von Herrschaft, auch Befugnis oder Zuständigkeit

Konnotation: formal, normativ eingehegt, oft mit Verantwortung verknüpft


2. Puissance

Etymologie: von lat. ‚potentia‘, Kraft, Fähigkeit, Möglichkeit

Bedeutung: abstrakte Fähigkeit zu wirken, Einfluss nehmen, auch jenseits von institutionellen Strukturen

Deutsche Entsprechung: Macht im Sinne von Wirkungsmacht und Einfluss

Konnotation: mehr auf Potenzial als auf ausgeübte Herrschaft bezogen


3. Force

Etymologie: von lat. ‚fortis‘ ( stark)

Bedeutung: physische oder mechanische Kraft, auch militärische oder wirtschaftliche Stärke

Deutsche Entsprechung: Kraft, Stärke, Zwang

Konnotation: ambivalent, wertneutral bis positiv


4. Violence

Etymologie: von lat. ‚violentia‘, Unmäßigkeit, Heftigkeit

Bedeutung: rohe destruktive Gewalt, oft gegen Personen oder Ordnung gerichtet

Deutsche Entsprechung: Gewalt, Brutalität, Terror

Konnotation: negativ, illegitim


5. Capacité

Etymologie: von lat. ‚capacitas‘ ( Fassungsvermögen)

Bedeutung: Fähigkeit oder Kompetenz zu handeln oder eine Aufgabe zu erfüllen

Deutsche Entsprechung: Fähigkeit, Kompetenz

Konnotation: neutral, individuell oder kollektiv

Überleitung zur Theorie der Macht

Die obige vergleichende Übersicht legt Differenzierungen nahe, die jede Theorie der Macht klären muss, zum Beispiel:

– Wer oder was verfügt über Puissance? (Wirkungsmacht)

– Wer oder was hat Pouvoir? (legitime Macht)

– Wie wird Macht durch Force und/Violence ausgeübt?

– Welche Rolle spielen individuelle und kollektive Capacités?

Diese Unterscheidungen erlauben dann, etwa bei Michel Foucault, eine Fokussierung auf Puissance und Capacité (Macht als Dispositiv, auch produktiv).

Oder bei Max Weber eine Fokussierung auf Pouvoir und Force (Macht und Widerstand als unumgängliche Relation)

Oder bei Hannah Arendt eine Fokussierung auf Power als gemeinsames Handeln.
Habermas hat Arendts Begriff der Macht treffend als „kommunikative Macht“ bezeichnet (1976).

Kommunikative Macht, die sich steigern kann, was im Vermögen von sprechfähigen Personen liegt, entsteht in der „spontanen öffentlichen Versammlung“ von Vielen (Arendt, Vita activa 1960, S.194). 

Diese ‚multitudo‘ oder ‚Menge‘ kann überall und jederzeit (potentia) zu überraschenden sozialen Bewegungen und politischen Wenden führen. Das haben wir in den letzten Jahrzehnten weltweit erlebt.

Am gegenwärtigen Lauf der großen Welt können wir wenig oder gar nichts ändern. Realistische Machttheorien verleiten deshalb oft zu Gefühlen der Machtlosigkeit und Ohnmacht. Trotzdem benötigen wir sie für die Auseinandersetzung mit dieser Welt.

Das muss nicht zur Verzweiflung und zum Machtzynismus führen, bis hin zur brutalen Gewalt, so dass von der „Rückkehr des Bösen“ (militärische Gewalt, Kriegsführung, schwierige Feinde) gesprochen wird.

Es bleibt vielmehr nötig, nicht fatalistisch zu resignieren und aktiv zu bleiben in Wort und Tat.

Bildnachweis: Agentur Medienlabor, KI