Lange konnten und wollten sie sich nicht sehen. Sie sind sich schon einmal 2019 im sogenannten Normandie-Format begegnet: Putin und der frisch gewählte ukrainische Präsident, der nicht aus der Politik kam, im Unterschied zu Churchill, der Marineminister des britischen Empire war.
Der Komiker aus dem russischen Fernsehen war gleichwohl ein Glücksfall für die kämpfende Ukraine und wurde der neue Churchill des Medienzeitalters gegen einen übermächtigen Feind wie dieser.
Er vereinigte medial-kommunikativ die Regionen des großen Landes und organisierte die weltweite Unterstützung in unzähligen eindringlichen Ansprachen, die oft auf den historischen Ort zugeschnitten waren.
Exponierter als Selenski kann man nicht sein: permanent von der russischen Propaganda lächerlich gemacht, herabgesetzt und als politisch illegitim behandelt.
Nach 3 1⁄2 Jahren Kriegspräsident und 20 Jahre gealtert, ist er heute in der schwierigen Situation, einen Krieg beenden zu müssen, der einen hohen Preis hat (siehe Die Zeit, 21.8., S.2).
Trump drängt auf ein schnelles Treffen zwischen Putin und Selenski, womöglich in Budapest bei seinem Freund Orban. Macron schlug Genf vor, Selenski Wien. Aus Sicht des Kreml käme auch die Türkei infrage.
Im März 2022 gab es in Istanbul schon einmal den Entwurf für einen Friedensvertrag, der scheiterte. Die Hauptstreitpunkte sind dieselben geblieben, die Umstände haben sich verändert. Die Präsidenten, die entscheiden können, waren damals nicht dabei.
Budapest würde die Assoziation an das Budapest Memorandum von 1994 wecken, wo schon einmal Garantien versprochen worden sind. Historische Erfahrungen sprechen gegen Garantien. Absolute Sicherheitsgarantien gibt es ohnehin nicht, auch mit Atomwaffen nicht.
Trump setzt wieder einmal seine bekannte Zwei-Wochen-Frist. Wofür? Härtere Sanktionen?
Putin wiederum sieht „Licht am Ende des Tunnels“ dank Trump.
In Vilnius hängt ein riesiges Transparent: „The Hague is waiting for you“.
Egal, wo das bi- oder trilaterale Treffen stattfindet, ein weiteres schnelles und schlecht vorbereitetes Treffen ist vielleicht gar keine gute Idee, nachdem die Ergebnisse von Alaska und Washington als ernüchternd eingeschätzt werden müssen.
Der Krieg wird von Russland mit unverminderter Härte fortgeführt, und es gibt keine Anzeichen, dass Putin ihn beenden will. Die Entscheidungsschlacht um Pokrowsk ist noch nicht gewonnen. Weder die ukrainische Armee noch die Bevölkerung sind kapitulationsbereit.
Dennoch fordert Russland die Gebietsabtretung des wirtschaftlich wie strategisch wichtigen Donbass als Preis des Friedens. Die Ukraine geht derweil in die „Vorwärtsverteidigung“ (Selenski) mit Drohnenangriffen auf Erdölraffinerien im Hinterland und auf die Ölpipeline ‚Druschba‘, was weder Orban noch Trump gefällt.
Von Trump kommen widersprüchliche Ansagen der Ermunterung und Kritik. Reichweitenbeschränkung für die Atacms!? Trump bereitet möglicherweise den Rückzug vor aus dem, was er veranstaltet hat.
„Sie sind wie Öl und Essig“, sagt Trump, diese passen aber zusammen. Trump als Vermittler eines Friedensschlusses zwischen Selenski und Putin. Bilder wie zwischen Arafat und Sadat, Clinton in der Mitte – sind sie denkbar? Undenkbar?
Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode. Der Ukraine bleibt nur übrig zu kämpfen. Das ist die alltägliche Realität, während die Medien mit ganz anderen Debatten beschäftigt sind.
Die russische Diplomatie wiederum bremst und verzögert (Lawrow). Es fehlt ihr die „Agenda“ für ein Spitzentreffen. Für Sicherheitstruppen fordert sie ein UN-Mandat plus Vetorecht. China ist taktisch bereit, darauf einzugehen.
Wie worüber verhandeln ?
Die Ukrainer sind mehrheitlich für eine Verhandlungslösung, aber nicht für Gebietsabtretungen. Ein bi- oder trilaterales Spitzentreffen gilt im Moment als unrealistisch. Was ist real und was realistisch? Beides hängt zusammen.
Der Donbass ist nicht nur reich an Bodenschätzen, er ist auch der ukrainische Festungsgürtel mit Kramatorsk und Slowjansk. Würde der Donbass komplett abgegeben (mit den Verwaltungsbezirken Donezk und Luhansk) wären die Zentralgebiete der Ukraine in Gefahr.
Russland geht es nicht nur um Territorien, sondern auch um den „Schutz russischer Menschen“, das ist das imperiale Argument. In dieser Sicht ist Odessa eine „russische Stadt“ (Medwedew, Lawrow).
Viele sind geflohen, wer gehört zu den „Gebliebenen“ und den „Wartenden“, wie denken sie? „Wie viele sich mit den Besatzern arrangiert haben, und wie viele in stiller Opposition leben, ist unklar“ (a.a.O.).
Wie sie wieder friedlich miteinander leben können, wird mit der jüngst erlebten Geschichte der Geflohenen, Kämpfenden, Verletzten und Gebliebenen belastend werden.
Die meisten wollen die Gebiete nicht dauerhaft an Russland abtreten, die laut Verfassung nicht einfach an Russland übergeben werden können.
Das zweite Kernproblem sind die Sicherheitsgarantien, über die medial schon viel diskutiert wird, ohne dass auch nur die Aussicht eines verbindlichen Friedensvertrags besteht. Die Amerikaner, Russen und Europäer verstehen Verschiedenes darunter.
Die EU als Imperium?
Ist tatsächlich eine zentralisierte EU mit GB und starker deutsch-französischer Führung mit eigener Atombewaffnung ein strategisches Ziel im heutigen „Mächtespiel der Imperien“? (Münkler, Zeit, Nr. 4 Geschichte 2025). Diese These verkennt nicht nur die Natur der EU, sondern die europäische Verfasstheit überhaupt.
Aus der bisherigen Entwicklung ergibt sich eher ein Rüstungsbinnenmarkt mit politischer Koordination als ein Imperium. Einzig dramatisch exogene Schocks plus Verfassungsreformen mit Referenden brächten sie allenfalls auf diesen wohl mehrjährigen Pfad.
Mittelfristig ist sie als britisch-französische Abschreckung plus EU-Industriepolitik denkbar, nicht als zentralisierte EU-Nuklearmacht.
Ohne die USA, auch wenn sie Truppen aus Europa zurückziehen, wird es nicht gehen (niemand bestreitet dies) und mit der Nato, die sich neu aufstellt, ebenso wenig. Diese Nato mit Schweden und Finnland ist militärisch stärker als Russland, das weiß auch Putin, dessen Imperium bröckelt. Die Türkei schreitet im Südkaukasus voran, China im Osten des riesigen Landes.
Der Feldzug in der Ukraine läuft nicht gut, die ukrainische Vorwärtsverteidigung ist effektiv mit ihren Drohnenangriffen im russischen Hinterland auf Erdölraffinerien. Russland ist nicht schwach, aber weit schwächer als vielfach unterstellt wird. Nach dreieinhalb Kriegsjahren konnte der Donbass nicht erobert werden, trotz des Kriegseintritts von Nordkorea.
Seit November 2022 konnte Russland noch gerade ein Prozent des ukrainischen Gebiets dazugewinnen, bei enormen Verlusten. Insgesamt sind es fast 20 %.
Russland gleicht sich immer mehr dem nordkoreanischen diktatorischen Regime an und dessen kollektivistischem Krieger- und Opferkult, der abstößt. Im Kontrast zu diesen Bildern, die uns neulich erreicht haben (Spiegel, 22.8.), wird zusätzlich deutlich, was westliche Verteidigungsbereitschaft für Freiheit und Demokratie mental bedeutet. Das russische ‚Zivilisationsmodell‘ ist alles andere als attraktiv.
Trump überschätzt die Kriegsmacht Russlands, und die Europäer versuchen sich immer noch hinter den USA zu verstecken, da kann Vance noch so deutlich werden.
Die einzige Friedensgarantie, die es für die Ukraine wirklich gibt, ist die wehrfähige Ukraine selbst.
Bildnachweis: KI-generiert.