«Niemand ist frei allein. Frei sind wir nur als Wir.» (Franziska Brantner)
Diese Rede erzeugt wie viele andere ähnlicher Art ein kollektives Subjekt. Die Demokratie ist notwendigerweise auch ein kollektives Subjekt, nur was für eines?
«Demokratie und Zusammenhalt» sind heute die gängigen Schlagworte, wenn es darum geht, Haltung zu zeigen bei der Verteidigung liberaler Demokratie (siehe zum Beispiel «Brandenburg zeigt Haltung»).
Es ist deshalb wichtig zu wissen, was wir genau verteidigen, wenn wir die liberale Demokratie gegen ihre Verächter, Gegner und Feinde verteidigen.
Das komplizierte Wir spielt dabei im Kleinen wie im Grossen (für Parteien und Länder) eine entscheidende Rolle.
Der mobilisierende Aufbau solcher Reden und Appelle ist deutlich erkennbar:
Zunächst wird eine gemeinsame Krisenerfahrung beschrieben als Klimakrise, Krieg, wirtschaftlicher Niedergang, technologische Verunsicherung und in Deutschland geradezu panisch: die mögliche Machtübernahme durch «Nazis», heute nach dem 6. September «AfD-Nazis».
Zweitens wird diagnostiziert, der Gesellschaft fehle eine «gemeinsame Erzählung» und ein gemeinsames Ziel.
Daraus folgt dann die Frage, wer «wir als Deutsche» sein wollen – die altbekannte berühmte «Identitätsfrage», die ursprünglich aus der Sozialpsychologie stammt.
Worauf mithin bezieht sich die Identitätsfrage genau? Auf das Individuum, die Demokratie oder die Nation?
Freiheit wird dabei nicht mehr primär als rechtlich geschützter Raum unterschiedlicher Lebensentwürfe verstanden (liberale Freiheiten im Plural), sondern als gemeinsames Handeln, Zugehörigkeit und kollektive Wirksamkeit («positive Freiheit» im Singular).
Schliesslich wird zum gemeinsamen Aufbruch in eine gemeinsame positive Zukunft aufgerufen – nachhaltig, zukunftsfest und resilient, wie die neuen heute inflationär gebrauchten Vokabeln lauten.
Das ist mehr als eine beiläufige Behauptung der sozialen Bedingtheit sozialer Existenz, was trivial ist.
Es ist vielmehr der verständliche und engagierte Versuch, eine Gesellschaft in eine politisch motivierte «bessere Gemeinschaft» zu transformieren.
In den Begriffen von Ferdinand Tönnies («Gesellschaft und Gemeinschaft», 1887):
Die funktional differenzierte, interessenpluralistische, stark individualisierte und enttraditionalisierte, durch Recht vermittelte und politisch integrierte Gesellschaft soll wieder mit Elementen einer sinnhaft integrierten («gerechten») Gemeinschaft aufgeladen werden.
Das ist noch nicht, wie in der politischen Parteienpolemik schnell unterstellt wird, ein «totalitärer» Versuch oder gar eine Regression.
Der dominierende Impuls ist vielmehr «kommunitaristisch», den es in verschiedenen Stärkegraden und mit unterschiedlicher Hintergrundphilosophie gibt (katholisch, konservativ, sozialistisch). Er versteht sich als Korrektiv bis hin zur Alternative zum Liberalismus, vertritt also wiederum ein Spektrum unterschiedlicher Positionen.
Wichtig dabei ist die Beobachtung, dass dieses grosse Wir nicht ethnisch homogen sein muss. Es ist heute meistens offen, sogar «weltoffen» für verschiedene Herkünfte, Familienformen und individuelle Identitäten.
Das ist nicht nur richtig und wichtig, denn die liberale Toleranz, die dieser Offenheit zugrunde liegt, ist keineswegs so selbstverständlich, wie wir dies gerne selbstgerecht annehmen.
Aus dieser Prämisse folgt jedoch nicht, dass solche Entwürfe ohne Homogenitätsansprüche auskommen würden, was zu wenig bedacht und politisch kaum in Rechnung gestellt wird.
Die Homogenität verlagert sich nur:
- von der Abstammung zu den Werten
- von der ethnischen Herkunft zur moralischen Haltung
- von der kulturellen Gleichartigkeit zur Zustimmung zu einer gemeinsamen Zukunft
- von der Volksgemeinschaft zur Gesinnungsgemeinschaft.
Eine solche «gesellschaftliche» Gemeinschaft ist modern in Bezug auf Lebensstile vielfältig und kann zugleich politisch-ideologisch homogen sein, was selbstkritisch nicht immer gesehen wird.
Denn man darf verschieden aussehen, leben und lieben und sich auch verschieden mit kleinen Gemeinschaften identifizieren
– indessen die gemeinsamen Werte, die Beschreibung der gesellschaftlichen Krise und die Richtung der politischen Transformation dürfen nicht in derselben beliebigen Weise zur Disposition stehen.
Das progressive Wir
Daraus entsteht eine eigentümliche Verbindung von identitärer Vielfalt und politischer Konformität, die mir typisch zu sein scheint: Die Individuen dürfen verschieden sein, sofern ihre Verschiedenheit innerhalb derselben moralisch-politischen Ordnung artikuliert wird.
Dieses progressive Wir ist dünn (nicht dicht) hinsichtlich Herkunft und Lebensform, aber potenziell durchaus dicht hinsichtlich Gesinnung, Sprache, Habitus, Verhalten und politischer Mission. Geringe Abweichungen werden auffällig schnell registriert (politische Korrektheit), was auch zum politischen Rückzug vieler Leute führt.
Wenn heute eine Gemeinschaft oder ein «politisches Lager» sich rhetorisch (das progressive Wir, die «demokratische Mitte») hinsichtlich Herkunft und Lebensformen «weltoffen» öffnet, hat es damit noch keine gesellschaftliche Gemeinschaft hervorgebracht, deren Mitglieder einander vertrauen (Vertrauensverlust wird heute am meisten und häufigsten beklagt!), füreinander Lasten tragen (die Verbundenheit der Solidarität) und sich als Teil eines gemeinsamen Schicksals innerhalb einer langen Geschichte, die weitergeht («panta rhei»), verstehen.
Eine neue Bürgerschaft fällt nicht vom Wertehimmel, sie bildet sich
in Konflikt und Kooperation, Wahrnehmung und Neugierde, Unverständnis und Gespräch (Toleranzedikt als Stadtgespräch).
Normative Inklusion ist deshalb nicht mit tatsächlicher sozialer Integration zu verwechseln.
Es gibt verschiedene Bedeutungen des komplizierten Wir:
- die unmittelbare Gemeinschaft von Familien, Freunden und Nachbarn;
- Vereine und Wahlfamilien;
- die politische Partei oder Bewegung;
- die demokratische Bürgergesellschaft, insbesondere die Gemeinde und die Stadtgesellschaft;
- Land, Leute und Nation;
- schliesslich alle Menschen, die bestimmte Werte teilen, die Zivilreligion des Weltbürgers.
Diese Ebenen sind nicht austauschbar.
In kleinen Gemeinschaften, insbesondere Familien, entsteht Vertrauen (oder wird als lebenswichtige Basisressource zerstört).
In einer Grossgesellschaft hingegen kennen sich die Menschen nicht und müssen sich als «Fremde» begegnen können. Hier müssen Kooperation, Konflikt und Solidarität durch Recht, Institutionen, zustimmungsfähige Politik, Interessenvermittlung, geteilte Erfahrungen und lange Zeit entstandene Loyalitäten organisiert werden.
Man kann nicht die gewohnte Plausibilität kleiner erlebter Gemeinschaften auf die nationalen oder gar internationalen politischen Ordnungen von Staaten übertragen. Das ist auch die Problematik des aufgesetzten Patriotismus, der durchschaubar ist.
Hier passieren Skalierungsfehler mit grossen politischen Folgen, oft hochmoralisch, fatal und demokratisch lediglich in Worten. Gerade die Superpatrioten können zur autoritären Transformation (ver)führen. Ziviler demokratischer Patriotismus kann gegensteuern.
Man widersteht der «rechten» Sprache, die den demokratischen Patriotismus instrumentalisiert, indem man sich ins politische Handgemenge begibt und sie zurückdrängt, wo es geht, statt demonstrativ ständig in der eigenen Blase/Gruppe zu verbleiben.
Die Zumutung, dass es Meinungen gibt, die man ganz und gar nicht teilt, wird nie verschwinden.
In Wirklichkeit prägen unterschiedliche Erfahrungen, Interessen, Traditionen und Lebensformen die Integration politischer Werte und Vorstellungen. Es ist lebens- und weltfremd, dies versöhnen zu wollen, was in vielen progressiven Entwürfen der Fall ist («Welt ist, was der Fall ist»).
Liberalismus und Kommunitarismus
Wir müssen an dieser Stelle ein grundsätzliches Paradox reflektieren:
Je dünner nämlich die Bindungen werden, desto mehr übernimmt die politische Gesinnung die Integrationsfunktion des grossen Wir. Die grosse Solidarität der liberal-demokratischen Nation steht tatsächlich aus mehreren Gründen unter Druck und ist ideologisch-politisch aus mehreren Gründen gefordert und herausgefordert.
Es bleiben drei Möglichkeiten:
- der erste Weg erzeugt keine gesamtgesellschaftliche Gemeinschaft, in welchen Worten auch immer;
- der zweite Weg des eigenen politischen Milieus macht das «Wir» vom Fortbestehen seines Feindbildes abhängig;
- der dritte Weg wird illiberal-autoritär-totalitär, je nach ideologischer und massenhafter Stärke.
Interessenunterschiede und konkurrierende Vorstellungen des guten Lebens sind keineswegs bloss Kommunikationsdefizite, von einem selber oder den ressentimentgeladenen Anderen.
Sie gehören vielmehr zur grundlegenden Struktur moderner Gesellschaften.
Der Liberalismus ist hier bei aller Kritik wesentlich realistischer, denn er verlangt nicht, dass die Bürger in einem gemeinsamen Willen aufgehen.
Er rechnet vielmehr mit:
- verschiedenen Interessen
- unvereinbaren Wertvorstellungen
- konkurrierenden Lebensentwürfen
- wechselnden Mehrheiten
- neuen Minderheiten
- dauerhaften politischen Konflikten.
Seine Leistung, die aus historischer Erfahrung und Distanz ins Heutige deutlicher geworden sein sollte, besteht nicht darin, die eben erwähnten Kategorien und Unterschiede überwinden zu wollen, sondern er versucht, sie institutionell zu verarbeiten.
Eine liberale politische Ordnung benötigt deshalb kein einheitliches Ziel, sondern Verfahren, durch die über unterschiedliche Ziele entschieden werden kann, ohne dass die Unterlegenen aus der politischen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Dieser Liberalismus steht als Rechtsanwalt an der Seite der Individuen.
Der progressive Kommunitarismus ist dagegen nicht besser als der konservative bis rechte Kommunitarismus insofern, als beide Seiten versuchen, ihr politisch-ideologisches Milieu zum eigentlichen Kern der Gesellschaft zu machen.
Das rechte Milieu erhebt nationale Geschichte, kulturelle Kontinuität und vertraute Lebensformen zu selbstverständlichen Bindungsgrundlagen, die alles andere als selbstverständlich geworden sind durch den modernen sozialen Wandel, der enttraditionalisiert und verunsichert, heute wieder auf neue Weise.
Das progressive Milieu erhebt (dagegen?) bestimmte Begriffe wie Vielfalt, Nachhaltigkeit, Anerkennung, Offenheit und ihre demokratischen Werte («unsere» Demokratie) zum weithin selbstverständlichen Konsens. Ist es noch der «antitotalitäre Konsens» nach dem Zweiten Weltkrieg und als Konsequenz aus ihm?
Daraus entsteht die institutionelle Vorstellung, die gesamte Gesellschaft könne durch diese Werte integriert werden, wenn nur die rückständigen Widerstände überwunden sind.
Beide verabsolutieren ihre eigene Lebenswelt.
Das jeweilige Wir ist daher keine empirische Beschreibung der Gesellschaft, sondern lediglich eine Pars-pro-toto-Konstruktion.
Der gemeinsame Fehler scheint mir darin begründet, dass die moderne differenzierte Gesellschaft über einen einheitlichen kollektiven Willen verfügen muss, um politisch handlungsfähig zu sein. Diese Vorstellung ist tief verankert, so handeln wir schliesslich als grosses Wir! Meinen wir zumindest.
Die wirkliche liberale Gesellschaft besteht indes in überlappenden und einander durchkreuzenden Zugehörigkeiten.
Ein Mensch kann gleichzeitig regional verwurzelt, national orientiert, religiös, beruflich organisiert, wirtschaftlich liberal, sozialpolitisch links und kulturell konservativ sein.
Aus solchen realen Mehrfach-Zugehörigkeiten lässt sich kein einheitliches kollektives Subjekt gewinnen.
Politische Handlungsfähigkeit entsteht deshalb nicht durch die Aufhebung dieser vielfachen Widersprüche (die das Leben ausmachen), sondern aus Institutionen, die aus ihnen vorläufige und revidierbare Entscheidungen erzeugen.
Eduard Bernstein, der historische Antipode von Lenin, verstand Sozialismus als «organisierten Liberalismus». Er rückte damit die moderne Sozialdemokratie sowohl in die Nähe der Organisationsgesellschaft wie der liberalen Demokratie, die er aus der englischen Geschichte kannte.
Parteien, Parlamente, Föderalismus, Gerichte, Märkte, Verbände und Wahlen ersetzen den nicht vorhandenen einheitlichen Volkswillen durch geregelte Verfahren der Willensbildung.
Die Kommunitarismen müssen deshalb permanent erklären, weshalb ihre vorgestellte Einheit nicht den Realitäten entspricht. Die Enttäuschungen aus dieser Erwartung sind programmiert. Der politische Dissens wird nicht als normaler Interessenkonflikt wahrgenommen, sondern erscheint als Störung, die beseitigt werden muss. Mit Störungen, Zumutungen und politischen Niederlagen müssen wir jedoch leben können.
Eine realistische politische Theorie muss Gemeinschaften enthalten, sie schützen und ermöglichen, aber nicht eine gesellschaftliche Grossgemeinschaft erzeugen.
Deshalb stellt auch die Philosophie des Liberalismus nicht einfach das einsame Individuum allen sozialen Beziehungen gegenüber. Das ist eine Karikatur. Er schützt vielmehr mit dem liberalen Rechtsstaat, der weder links noch rechts ist, und das ist eine zivilisatorische Errungenschaft von unendlichem Wert, die Freiheit der Menschen, unterschiedlichen Gemeinschaften anzugehören, zwischen ihnen zu wechseln sowie mehrere Zugehörigkeiten zu verbinden oder sich einzelnen Gemeinschaften zu entziehen.
Dialogizität
Im Blog «Vor dem 6. September» (vom 3. September) findet sich zum Schluss die Forderung, dass wir in einen «Dialog» eintreten sollen, vor allem über die Grundbegriffe eines «Ethos der Demokratie», gemeinsam und kontrovers. Diese Forderung wollen wir hier noch einmal vertiefen.
Die kommunitaristischen Gemeinschaftsentwürfe (ob grün, katholisch oder links) sind in sich weniger geschlossen, als ihre Rhetorik suggeriert. Die jeweilige Anhängerschaft weist erhebliche Gegensätze auf in wirtschaftlicher, sozialer und politischer Hinsicht. Der «gemeinsame Feind» (und das ist nur der intensivste Gegensatz) integriert am stärksten und hilft (wie jeder politische Gegensatz), die internen Differenzen zu überbrücken oder zum Schweigen zu bringen, freilich nur verbal und vermeintlich programmatisch.
Das «progressive Wir» wird zusammengehalten, gerade in Deutschland, durch die Abwehr des Nationalismus, eines «völkischen» ohnehin.
Das «rechte Wir» wird zusammengehalten durch die Abwehr von kultureller Entgrenzung, moralischer Bevormundung und gesellschaftlichem Strukturwandel. Das ist kein Rätsel, sondern seit Jahrzehnten in Europa in verschiedenen Ländern aufdringlich und gut beobachtbar. Die politischen Reaktionen selbstbewusster Demokraten darauf sind freilich weniger klug.
Die «Zeitung für Deutschland» rätselt noch immer über den Aufstieg der AfD (FAZ 14.9., S. 9).
Unsere These von der endogen erzeugten Systemopposition könnte da weiterhelfen. Typisch, ja merkwürdig ist, dass politische Beobachter den Aufstieg nicht erklären können, wo sie doch fast alles richtig gemacht haben die ganze Zeit.
Daraus entsteht eine paradoxe Abhängigkeit, die seit dem 6. September für alle offensichtlich und schmerzhaft geworden ist:
Beide Seiten bekämpfen einander intensiv, benötigen einander aber zugleich zur Stabilisierung der eigenen kollektiven politischen Identität.
Ein erfolgreicher Dialog wird sogar gefährlich, da er das eigene Feindbild durchlöchern könnte.
Echter Dialog indes ist immer gefährlich, das wissen wir seit Sokrates’ Zeiten.
Auch die skeptische Methode kann gefährlich werden, wie Montaigne im 16. Jahrhundert der schrecklichen Hugenottenkriege erfahren hat.
Dialogappelle hingegen sind stets wohlfeil, vor allem wenn sie von den Kirchen kommen.
Was also ist heute, hier und jetzt, in der heutigen schwierigen politischen Situation ein Dialog?
Zunächst:
Die Kommunitarismen sind sich strukturell ähnlicher, als ihre Anhänger wahrhaben wollen, insbesondere in der Rückbindung der Einzelnen an ein grösseres Ganzes (deshalb ist er immer ein Risiko für die Dissidenten).
Diese Ähnlichkeiten verschärfen den Konflikt, denn beide Seiten konkurrieren um dieselbe politische Funktion bis hin zur grundlegenden «Ordnungserhaltung», wenn die Gerichte und die Justiz ins Spiel kommen.
Deshalb spiegeln sich auch die wechselseitigen Vorwürfe, die sie an die Gegenseite richten; meistens sind es polemische Unterstellungen.
Beide Seiten glauben auch, dass der Gegner Sprache und Geschichte manipuliert.
Beide verteidigen daher mit guten Gründen ihre Ausschlüsse als Verteidigung der Freiheit und Ordnungserhaltung.
Das Grundgesetz wird sogar im Bundestag, der nationalen Bühne der parlamentarischen Demokratie, neuerdings in die Höhe gehoben: von Miersch (SPD) und von Storch (AfD) gleichermassen in der Haushaltsdebatte; beide sind Juristen.
Lars Klingbeil bezeichnete im August 2026 die Brandmauer sogar als eine aus dem Grundgesetz folgende Pflicht.
Der Gegner erscheint damit als illegitime Kopie des eigenen Anspruchs auf Gemeinschaft und mehr als das! Wissen sie, was sie tun?
Daraus kann jedenfalls kein Dialog, ja nicht einmal ein freundliches Gespräch ohne Ergebnisse, entstehen. Die Mauer wird immer höher und gefährlicher.
Denn ein Dialog setzt voraus, dass zentrale Begriffe zumindest teilweise gemeinsam verstanden werden.
Genau daran fehlt es zunehmend. Das war die Diagnose vom 3. September.
Wir könnten das ausführlich belegen anhand der Begriffe «Freiheit», «Volk», «Vielfalt» und «Demokratie». Hier als Ersatz für ausführliche Aufsätze nur ultrakurz und bündig:
«Freiheit» bedeutet für die eine Seite Schutz vor staatlicher und rechtlicher Bevormundung, für die andere Seite soziale Ermöglichung, Anerkennung und gemeinsame Wirksamkeit.
«Volk» bedeutet für die eine Seite eine geschichtlich-kulturelle Gemeinschaft, für die andere Seite entweder die Gesamtheit aller Staatsbürger oder bereits einen verdächtigen Essentialismus.
«Vielfalt» bezeichnet für die eine Seite eine Bedrohung gewachsener Bindungen, für die andere Seite eine Voraussetzung gleicher Freiheit.
«Demokratie» bedeutet für die eine Seite vor allem Volkssouveränität und Mehrheitsentscheidung, für die andere Seite zusätzlich noch eine substanzielle Werteordnung, welche die Mehrheitsentscheidung begrenzt.
«Heimat», «Solidarität», «Gerechtigkeit» und selbst «Wirklichkeit/Realität» werden ebenfalls unterschiedlich codiert.
Daran zu arbeiten ist lebenswichtig.
Beide Seiten verwenden meistens dieselben Wörter, sprechen aber von verschiedenen Gegenständen.
Der Dialog scheitert mithin nicht erst an den Antworten, sondern bereits an den Voraussetzungen der Fragen. Er sollte deshalb nicht mit grossen Worten beginnen.
Oder anders gesagt: Er beginnt mit alltäglichen persönlichen Gesprächen vor Ort.
Mit Begegnungen. So wachsen vielleicht zarte Pflänzchen, aus denen mehr werden kann.
Auch die Erwartungen an einen Dialog sind asymmetrisch.
Ein progressiver Akteur versteht Dialog in Anknüpfung an die Tradition der Aufklärung (ihrer «Vorurteilskritik») als eine Möglichkeit, Vorurteile abzubauen und den anderen wieder an einen demokratischen Konsens heranzuführen.
Für den rechten Akteur ist dies kein offener Dialog, sondern eine pädagogische Veranstaltung mit vorab feststehendem Ergebnis.
Umgekehrt versteht ein rechter Akteur den Dialog so, die Realitäten seinem gesunden Menschenverstand anpassen zu wollen.
Er versucht seinerseits (diesmal), progressive Tabus zu brechen.
Kann es so zu einem Austausch kommen?
Ein echter Dialog erfordert seit je, in der philosophischen Tradition der Sokratik, die Möglichkeit zu lernen, ohne dafür bestraft zu werden.
Voraussetzung dafür ist das Zuhörenkönnen. Für Willy Brandt bestand das Wagnis der Demokratie genau darin.
Der liberale Dialog von heute ist ebenfalls ein neues Wagnis der ethischen Mitte.
Er ist weder eine schöne Inszenierung noch eine weitere Podiumsdiskussion bekannter Positionen.
Er ist vor allem keine pädagogische Veranstaltung, sondern ein Erkenntnisrisiko von Menschen, die den Weg des Gesprächs gehen wollen.
Der tiefste liberale Grundsatz wäre demnach nicht bloß Toleranz, sondern die Vorstellung der Möglichkeit, dass wir uns irren.
Bildnachweis: Agentur Medienlabor, AI.