China sprengt die Dimensionen

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In jeder Hinsicht, nicht nur quantitativ.
Das „Reich der Mitte“ erlebt gerade einen historisch beispiellosen Aufstieg.

Steht mithin die Welt vor einem „chinesischen Jahrhundert“ und vor einem Weltkrieg, der im Pazifik beginnt (siehe Matthias Nass, Zeit Geschichte, Nr. 4 2025)?

Der chinesische „Exzeptionalismus“, die sinozentrische Sicht auf die Welt, lässt sich nur noch mit der jüngsten Weltmacht USA vergleichen. Diese sieht sich durch das neue China herausgefordert.

Siehe dazu das China-Buch von Henry Kissinger: Zwischen Tradition und Herausforderung, 2011, 606 Seiten.

Kissinger sieht allerdings einen großen Unterschied: „Die Vorstellung universeller Werte und ihre Verbreitung in der Welt sei China immer fremdgeblieben“ (a.a.0.).

Die „konfuzianische Orthodoxie“ führte historisch zur Stagnation, „während die industrielle Moderne die Kräfte des Westens entfesselte“ (Nass, a.a O.). Die europäischen Mächte zwangen China sodann in „ungleiche Verträge“. Es begann das „Jahrhundert der Demütigungen“, das im kollektiven Gedächtnis der Chinesen erst mit der Gründung der Volksrepublik 1949 durch Mao endete (a.a.0.).

Wirtschaftlich lag China am Boden nach Bürgerkrieg und Krieg gegen das aggressive Japan mit dem Massaker von Nanjing 1937, der damaligen Hauptstadt.

Maos gigantische Pläne mit ‚Riesensprüngen nach vorn‘ und der berühmt-berüchtigten ‚Kulturrevolution‘ ab 1966 führten das große Land mit dem ‚roten Büchlein‘, der Mao-Bibel, erneut in Chaos und bittere Armut. 

Erst Ende der 70er Jahre unter Leitung des kleinen großen Mannes Deng Xiaping begann der Aufschwung, der beispiellos war und die gewohnten Dimensionen sprengte: „Nie zuvor in der Geschichte sind die Lebensverhältnisse so vieler Menschen in so kurzer Zeit verbessert worden“ (Naess, a.a.O.). Sozialer Wandel dafür ist zu wenig gesagt.

Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf steigerte sich von 1980 bis 2024 um mehr als das Dreissigfache. China katapultiert sich aus der Armut, ohne schon reich zu sein. Darauf war und ist man stolz.

Die Wende verdankt sich dem Grundsatzentscheid der Kommunistischen Partei (der größten Organisation der Welt!), den Märkten gegenüber der Staatswirtschaft mehr Raum zu geben. Die chinesischen Kommunisten vereinbarten den antagonistischen Widerspruch zwischen Kommunismus und Kapitalismus in neuen Dimensionen und ungewöhnlichen Bildern.

Die Zeit-Verhältnisse bezüglich großer Vergangenheit als Erbe, beschleunigter Gegenwart und visionärer Zukunft, etwa in Bezug auf Megastädte, Fragen der Stadtplanung und des Bauens übertreffen alle westlichen Vorstellungen bei weitem. In China kann man buchstäblich die neue Zukunft sehen. 

Das Problem der Zeit ist das Hauptproblem der schnelllebigen Moderne (Koselleck, Luhmann, Lübbe) für die Orientierung der Menschen. Die Angst, abgehängt zu werden, den Anschluss zu verlieren, und die daraus resultierenden Anschlusszwänge sowie die pädagogisch geforderte ständige Umstellungsfähigkeit treiben sie und ihre sozialen Systeme um.

Aber auch die Zeit der Politik ist in China eine ganz andere: Xi formuliert Jahrhundertziele und die Partei Pläne für 5 und 25 Jahre. Man denkt nicht kurzfristig und ist trotzdem schneller, etwa beim Bau von Flughäfen usw. Das ist wahrlich ein strategischer Vorteil.

Es handelt sich um Denk- und Zeithorizonte strategischen Denkens.

Demgegenüber braucht Demokratie Zeit, insbesondere ein föderales System für seine zahlreichen Wahlen und den daraus folgenden Abstimmungsprozessen. Das führt zu einer mangelhaft durchdachten „Atemlosigkeit“ (Nouripur) der Parteiendemokratie, deren System in einer ohnmächtigen Sackgasse steckt (in Deutschland und Frankreich), was große mutige Reformen angeht.

Auf das rasante Wachstum in China folgte indessen – entgegen westlichen Erwartungen – keine politische Liberalisierung. Im Gegenteil.

Vielmehr wurde die vorsichtige Trennung von Partei und Staat unter dem Reformer Deng seit 2O12 unter Xi Jinping wieder zurückgedreht (Naess, a.a.O.): „Xi trieb die Furcht um, Chinas Kommunisten könnten das Schicksal der KPdSU unter Gorbatschow erleiden“.

Xi meldet vielmehr den Führungsanspruch mit strenger Parteilinie an, militärisch untersetzt mit massenhaftem Gleichschritt und ohne die Probleme „freiwilliger Wehrpflicht“, auf die große Weltbühne zurückzukehren. Die größte Militärparade auf dem Platz des Himmlischen Friedens in der Geschichte Chinas, natürlich mit Interkontinentalraketen, am 3. September unterstreicht dies eindrücklich.

Die Weltordnung bleibt bipolar. Nur ist nun China und nicht mehr Russland die Nummer 2.

Japan hat gegen dieses Megaereignis protestiert, es hat sich bis heute für die Gräuel des Krieges nicht entschuldigt. Die Rivalität lebt weiter.

Chinas Weltharmonie

Anfang September 2025 treffen sich so viele Staatschefs wie noch nie zum Gipfel der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) im nordchinesischen Tianjin. Dort skizziert Xi eine neue Weltordnung in direkter Gegnerschaft zur amerikanisch geprägten westlichen Ordnung. Ordnungs- und Zivilisationsmodelle geraten in Konkurrenz.

In ihrer gemeinsamen Erklärung richten sich die 26 Mitglieder und Beobachter gegen „unilaterale Zwangsmaßnahmen auch wirtschaftlicher Art“ sowie gegen die Luftangriffe der USA und Israel gegen Iran, das Mitglied der SOZ ist.

Xi’s Ziel, der den gemeinsamen Markt gegen den Westen nutzen will, ist ein „gerechtes und vernünftiges globales Regierungssystem“. Man will Anführer des ‚globalen Südens‘ sein, ein wichtiger Zwischenschritt dafür ist der Aufbau einer eigenen Entwicklungsbank, um Investitionen und Handelsströme vom Dollar zu lösen.

Vom Ukraine-Krieg spricht Xi nicht. Dieser Part bleibt Putin überlassen, der inzwischen von „Ukraine-Krise“ spricht und die Schuld für den Krieg einmal mehr dem „Staatsstreich von 2014“ und der Nato gibt (Tass).

Putin macht sich stark für einen „echten Multilateralismus“ und hält das „euroatlantische Modell für überholt“. Mit über 20 Kooperationsabkommen hat er die strategische Partnerschaft mit China weiter vertieft und verstärkt. 

Beide Autokratien schöpfen Wissen, Techniken und Ressourcen wechselseitig für den Krieg ab. Das ist eine gefährliche, unheimliche Macht, die nicht begrenzt ist.

China hat atemberaubend aufgeholt, wirtschaftlich, technologisch, militärisch und politisch. Darauf müssen sich die Staaten in der Weltpolitik, die erpressbar geworden sind, neu einstellen. 

Gleichwohl darf man die Relationen nicht aus den Augen verlieren, um urteilsfähig zu bleiben. Partnerschaften mit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt müssen möglich bleiben.

China hat zwar die größte Marine, seltene Bodenschätze und führende Techniken, ist aber keine globale Militärmacht wie die USA mit ihren zahlreichen Militärbasen in mehr als 80 Ländern der Welt.

Die USA werden ihre Position nicht halten können, wenn sie sich gänzlich von Europa ab – und dem Pazifik zuwenden. Brauchbare Verbündete finden sie in Europa (die Nato ist noch einmal gerettet worden), Ozeanien, Südkorea und Japan. Indien wird wohl das Zünglein an der Waage bleiben, andere Länder (Brasilien zum Beispiel) sind zu schwach, um ernsthaft die Geopolitik beeinflussen zu können.

Der rote Antiimperialismus im Namen des antiwestlichen Antiimperialismus funktionierte rhetorisch noch, als die kommunistische Ideologie Weltgeltung hatte. Eine gewisse Nostalgie des Kommunismus, sowjetischer oder maoistischer Prägung, ist noch nicht verschwunden.

Bildnachweis: IMAGO / ITAR-TASS