In welcher Welt leben wir eigentlich?
Das ist gewiss eine große und schwierige Frage.
Wenn wir sie heute stellen, ist sie geopolitisch gemeint.
Dieser Gesichtspunkt ist plötzlich in den alles beherrschenden Vordergrund gerückt.
‚GEOPOLITIK‘, vor kurzem noch ein historisch belastetes unkorrektes Wort in Deutschland, das moralische Empörung hervorrief, ist zum vorherrschenden Fokus internationaler Politik geworden.
Ein bloßes Modewort ist es nicht, ebenso wenig wie Machtpolitik oder Atomzeitalter, im Unterschied zu den zahlreichen Zeitenwenden und Epochenbrüchen, die neuerdings aus Orientierungsunsicherheit schnell benannt werden. Andere modische Themen wie Globalisierung oder Postmoderne sind dagegen verdrängt.
Es handelt sich bei der geopolitischen Machtpolitik, wirtschaftlich und politisch, allerdings um einen radikalen Themenwechsel, fast schon so disruptiv wie die Disruption selbst mit buchstäblich gewaltigen Folgen.
Auf einmal schaut man auf die Welt durch die geopolitische Brille.
Multipolare Welt
Im Kalten Krieg war die Welt noch bipolar und befand sich in einem Weltanschauungskrieg, dann war sie nach dem Epochenbruch in Ost und West 1989 mit der einzig verbliebenen Supermacht USA für kurze Zeit unipolar, heute soll sie multipolar sein.
Ist so die globale Staatenwelt richtig beschrieben?
Auffällig ist, dass die Präsidenten der beiden größten Diktaturen Xi Jinping und Wladimir Putin immer wieder öffentlich an wichtigen Konferenzen für eine „multipolare Welt, gegen Hegemonie und Machtpolitik sowie für Demokratie in den internationalen Beziehungen“ eintreten ( NZZ, Mythos Multipolarität, 15. Dezember 2025, S.13).
Was verstehen die Autokraten unter Demokratie?
Wollen sie tatsächlich den ‚ewigen Frieden‘ (was für einen ?!) garantieren, über den sich Immanuel Kant sowohl rechtstheoretisch (das ist seine politische Theorie für den Menschen aus „krummem Holz“) als auch gleichzeitig selbstironisch äußerte (1795). Die Charta der Vereinten Nationen (UNO) war ganz wesentlich eine amerikanische Erfindung aufgrund dieser Kantischen Inspiration.
Heute spricht man vom „gerechten und nachhaltigen Frieden“.
Ausgerechnet China und Russland, die als zunehmend aggressive Mächte militärisch auftreten und sich explizit als BRICS-Staaten gegen den amerikanischen Westen positionieren, sollen die Friedensstifter der neuen Weltordnung sein!
China, das den Krieg Russlands gegen die Ukraine entscheidend unterstützt, wirft den USA ein Denken in Kategorien des Kalten Krieges vor. Es inszeniert sich international als Friedensstifter, während es das Südchinesische Meer schleichend besetzt.
Es konkurriert in der Geopolitik der Rohstoffe mit den USA in Afrika und Südamerika.
Die strategische Partnerschaft zwischen Russland und China wird gezielt ausgebaut und richtet sich offen und explizit auch gegen Taiwan.
Unberechenbar und unkontrolliert bleibt auch Nordkorea mit seiner gefährlichen Raketenrüstung, die nicht nur Südkorea und Japan, sondern sogar die amerikanische Westküste bedroht.
Die USA wollen einen Konflikt um Taiwan, das von China eingekreist wird, verhindern, möglichst mit militärischer Überlegenheit. Eine militärische Krisenkommunikation immerhin ist eingerichtet, das ist bei den ständigen Beinahe-Kollisionen zu Wasser und in der Luft auch nötig. Das neue amerikanische Strategiepapier indes erwähnt Taiwan merkwürdigerweise nicht.
Neuerdings gibt es auch mit Russland eine militärische Krisenkommunikation, das ist ebenfalls beruhigend. Doch der gefährliche vulkanische Boden bleibt bestehen, zum Beispiel durch die taktischen Atomwaffen in Belarus.
Putin hat schon 2007 in seiner Wutrede an der Münchner Sicherheitskonferenz auf das wachsende BIP der BRICS-Staaten hingewiesen. Inzwischen gewinnen Finanz- und Währungsfragen an Relevanz, um sich von der Dollarabhängigkeit zu lösen.
Das Beispiel Brasilien zeigt zudem, dass man sich wirtschaftlich und politisch durchaus gegen die USA behaupten kann.
Russland sieht sich als Großmacht gedemütigt und ohne „Legitimität“, so der russische Historiker Radchenko, deshalb sei „Putin risikobereiter als Stalin, Chruschtschow und Breschnew waren (NZZ, 29. Dezember, S. 8/9).
Vor der amerikanischen (Atom-)Macht haben sie Angst, und die Europäer nehmen sie nicht ernst. Das wirkt sich bis heute und in Zukunft aus.
Putin, der viel mobilisiert und viele Soldaten für kleinste Geländegewinne opfert, will den Krieg in der Ukraine unbedingt gewinnen, Trump will ihn beenden. Im Wahlkampf versprach er grossmundig, dies in einem Tag tun zu können, wie er überhaupt die ewigen Kriege für die Amerikaner (Afghanistan) beenden wollte. Er versteht sich als Friedensstifter und nicht als Krieger trotz neuem Kriegsministerium.
Das ist ihm abzunehmen, auch den Fehler von Bush junior 2003 will er offensichtlich wieder ausbügeln, indem er den Schiiten Maliki im Irak in die Schranken weist. Das ist auch ein Schlag gegen Teheran und seine Achse des Terrors, das Trump mit einer historisch beispiellosen Armada am Persischen Golf für Atomgespräche buchstäblich gewaltig unter Druck setzt.
Der Ausgang ist offen und die Lage sehr brenzlig. Der iranische Außenminister Araghtschi äußerte kürzlich, „der Iran werde seine Urananreicherung fortsetzen auch im Kriegsfall“ (Deutschlandfunk, 8.2.2026). Der Iran bedroht Israel mit neuen Raketen. Ein Flächenbrand ist zu befürchten. Der Iran- Experte Vali Nasr erklärt, „wenn es keinen Krieg gibt, überlebt das Regime“ (NZZ, 3. Februar, S.3).
Ein Isolationist ist Trump nicht, eher im Gegenteil wird die neuerliche Überdehnung amerikanischer Macht des eifrigen Weltpolizisten zum Problem. Siehe „Trump bringt das amerikanische Militär an seine Grenzen“, NZZ, 5. Februar 2026, S.4. Kritiker sprechen von einer überambitionierten Außenpolitik.
Innenpolitisch ist der Exzess offensichtlich: mit den zahlreichen Executiv-Orders präsidentieller Macht sowie dem patrimonialen Regierungsstil ohne zuverlässigen Respekt vor dem obersten Verfassungsrecht und regulären Wahlen, womit er der Demokratie weltweit Schaden zufügt hat, die Biden vor kurzem noch international offensiv gegen die Autokratien der Welt ins Feld führen wollte (Demokratie vs. Autokratie).
Aber das ist hier nicht unser Thema:
Man darf sich den politischen Verstand in der internationalen Politik nicht vernebeln lassen durch die Unsicherheiten eines Trump und der Empörung über sein persönliches Verhalten (er wird nicht der letzte amerikanische Präsident sein, wird Vance der 48. sein?).
Innenpolitik und Außenpolitik wollen wir unterscheiden, obwohl es Zusammenhänge gibt.
Der Imageverlust der USA ist groß und das demokratische Vorbild hat gelitten, vor allem in Deutschland und Dänemark. Dennoch ist Amerika, der bisherige historisch-politische Partner als wohlwollender Hegemon keine Bedrohung für den Weltfrieden. Der ‚Bruder‘ und ‚Freund‘ ist nicht zum ‚Feind‘ geworden, das sind Übertreibungen.
Grotesk hingegen ist der Handelskonflikt mit dem Nachbarn Kanada, der sich politisch ausweitet. Hier benimmt sich Trump wie König Ubu im gleichnamigen Theaterstück. Er verdirbt mit der einen Hand, was er mit der anderen bewirkt. Das schadet ihm mehr als alles andere.
Weltmacht USA
Die USA haben sich aus Europa, dem Nahen Osten und Asien nicht zurückgezogen. Trump hat bisher keine Deals mit Xi oder Putin abgeschlossen, die ihre Einflusszonen erweitert hätten. Er versichert seinen Verbündeten in Europa und Asien, dass sie mit der Nato und der USA rechnen können.
Besonders der Generalsekretär der Nato, Rutte, mahnt die Europäer, nicht weiter von strategischer Autonomie zu träumen, die sie teuer zu stehen kommen würde. Auch von der Atombombe als ‚Eurobombe‘ sollten sie Abstand nehmen.
Die ältere Idee von Kerneuropa, die jetzt wieder aufgewärmt wird, ersetzt die Wehrfähigkeit der europäischen Nationen nicht. Sie müssen ihre Hausaufgaben puncto Verteidigungsfähigkeit und Resilienz vor allem selbst machen und politische Selbstblockaden überwinden. Die großen Länder wie Frankreich, Großbritannien und Deutschland haben zurzeit Regierungen ohne einen starken innenpolitischen Konsens und starke Führung.
„Europa musste den USA schon immer gehorchen“, so der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann (NZZ, 31. Januar 2026, S.19). Die starken Entscheidungen fällte Amerika. Siehe auch das Buch „Out of Hitler’s Shadow, Oxford 2025. Das bedeutet nicht Unterwürfigkeit starker Nationen und selbstbewusster Demokratien, die liberal und mündig bleiben.
Finnland zum Beispiel, seit 2023 31.Mitglied der Nato, mit einer 1300 Kilometer langen Grenze zu Russland, hat selbst gelernt mit dem ungemütlichen großen Nachbarn umzugehen, der es wieder offen bedroht: „Der Nato-Staat habe vergessen, wie ihn die Sowjetunion zerschlagen habe“ (Medwedew).
Das tat er nicht, der Winterkrieg hat sich vielmehr fest ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Finnland befestigt seine Grenzen und verfügt ebenso über einen vorbildlichen Zivilschutz.
Trump dringt auf Einigung in den Friedensverhandlungen zur Ukraine bis Juni. Die amerikanischen Sicherheitsgarantien bleiben entscheidend, um Russland weiter eindämmen zu können. Gäbe es sie nicht, „hätte Russland die Verteidigungsbereitschaft Europas im Baltikum oder in Rumänien schon längst getestet“ (NZZ, Der Abgesang auf die Pax Americana ist falsch, NZZ, 23.Dezember 2025, S.7).
In Zentralasien und im Südkaukasus, die Russland ebenfalls als Einflusszonen sieht, gewinnt die USA außerdem an Einfluss (a.a.0.). Armenien und USA vereinbaren ein Atomabkommen, was bisher ein Geschäftsfeld Russlands war. In Aserbeidschan ist zudem ein strategisches Abkommen abgeschlossen worden (10.Februar).
Seit Januar haben die USA 8 Öltanker auf offener See militärisch geentert, die gegen Sanktionen verstoßen, während die EU, die immer noch Erdgas aus Russland bezieht, machtlos erscheint im Kampf gegen die russische Schattenflotte. Die amerikanischen Strafzölle gegen Indien wegen Ölkauf aus Russland indes haben gewirkt und sind inzwischen wieder aufgehoben. So unterscheiden sich ‚reden‘ und ‚liefern‘.
Auch im Nahen Osten ist der Einfluss der USA gestiegen. Syrien wird nicht mehr von Russland und dem Iran dominiert. Unter einer militärischen Drohung, die glaubwürdig ist, finden Verhandlungen mit der iranischen Führung über ihr Atomprogramm statt. Darüber hinaus steht eine erste Sitzung des Friedensrates im Gaza-Streifen an. Die Hamas ist immer noch nicht entwaffnet.
Der Indopazifik ist freilich der Schwerpunkt der Neuen Nationalen Sicherheitsstrategie, deren 33 Seiten obligatorische Lektüre sein sollten. Hier fordert China die amerikanische Garantie des Status quo heraus: „Eingedämmt wird der neue chinesische Imperialismus nur durch die USA“ (a.a.0.). Zudem belebt sich die alte Feindschaft zwischen China und Japan wieder.
Taiwan, Südkorea, die Philippinen und Japan werden als Verbündete massiv unterstützt. Die USA bleibt die entscheidende Garantiemacht des Friedens im Indopazifik und in Europa. Amerikanische Soldaten sichern das ab, zahlenmäßig in der Reihenfolge 1 bis 10, 1. Japan. 2. Deutschland, 3.Südkorea, 4. Italien, dann GB, Guam, Spanien, Bahrain, Türkei, Belgien.
Über die Flughäfen Ramstein Airbase und Frankfurt laufen wichtige amerikanische Militäroperationen in den Nahen Osten.
Die USA sind bereit, im Zuge der Europäisierung der Nato zwei wichtige Kommandoposten an Italien und Großbritannien zu übergeben. Den Posten des Oberbefehlshabers wollen sie behalten.
Am 5. Februar endete NEW START zwischen Russland und den USA. Damit verschwindet die letzte Transparenzkontrolle in der Nuklearpolitik. Der Vertrag stammte aus einer anderen Zeit, damals von Medwedew und Obama unterzeichnet. Er begrenzte die strategischen Atomwaffenarsenale, beschränkte aber nicht die taktischen Atomwaffen.
Siehe genauer: ‚hartpunkt‘, 8.2. 2025, Monitor für Defence und Sicherheitspolitik. Eine weitere Aufstockung und Modernisierung der Atomwaffen ist wahrscheinlich, aber auch mit hohen Kosten verbunden, insbesondere für Russland ginge das auf Kosten der konventionellen Kräfte.
Ein Folgevertrag wäre wichtig, allerdings ist bei den bisherigen Verstößen gegen Rüstungskontrollen Seiten Russlands das Vertrauen der Amerikaner nicht groß. Dazu kommt nun mit China ein dritter Akteur, der nuklear rasant aufrüstet und sich nicht begrenzen lässt.
Pax Americana
Die Neue Nationale Sicherheitsstrategie 2025 fordert die Alliierten unter den neuen Bedingungen dazu auf, die Verantwortung für ihre (Welt-)Region zu übernehmen, während die USA ein „Netzwerk zur Lastenteilung“ unterstützen und organisieren wollen (a.a.0.).
Auch die Europäer werden im Vorwort von Trump (November 2025) für den Aufwuchs ihrer Verteidigungsfähigkeit seit dem historischen Nato-Gipfel von Den Haag ausdrücklich gelobt.
Bei allen heftigen politischen Unstimmigkeiten und Ressentiments bis hin jüngst zur wechselseitigen Verachtung kommt der große objektive Veränderungsdruck von der strategischen Gesamtlage her. Das sollte man berücksichtigen und sachlich diskutieren können. Die Kosten für die Pax Americana sind jedenfalls erheblich gestiegen, worauf sich die Supermacht, die nicht mehr der globale Hegemon ist, neu einstellen muss. Sie muss priorisieren.
Der Abgesang auf die Pax Americana indessen ist voreilig und verführt in eine falsche antiamerikanische Richtung. Dies ist ein schwerwiegender und folgenreicher Fehlschluss, den es politisch zu vermeiden gilt.
Stattdessen ist es eine politische Regierungsaufgabe, das Militär-Bündnis neu und realistisch auszurichten. Nicht als überhöhte überbrückende ‚ Wertegemeinschaft‘, die historisch aus dem zweiten Weltkrieg heraus (atlantische Revolution) gewachsen ist (siehe den Blog Trumps neue Welt II vom 28.Januar 2026), sondern als ein Bündnis aus rationaler realistischer Einsicht, in dem der politisch-militärische Sachverstand dominiert.
Es ist dies eine EINSICHT mit schmerzlichem Realismus, der für die Europäer selbstkritisch sein muss trotz oder gerade wegen der schonungslosen amerikanischen Kritik, die nicht in allen Punkten zutrifft (Vance/Musk und AfD). Die Münchner Sicherheitskonferenz lädt nach dem Vance-Schock des letzten Jahres dieses Jahr (13.Februar) die amerikanische Opposition ein.
Außenminister Rubio reist mit der bisher größten amerikanischen Delegation an, auch das ist bezeichnend. Danach besucht er die Slowakei und Ungarn.
Ein starkes notwendiges Bündnis muss Konflikte und Spannungen aushalten und verarbeiten können. Es ist mehr und etwas anderes als die bloße zivilreligiöse Beschwörung von gemeinsamen Werten oder persönlicher Freundschaft (Merkel/Obama), die politische Differenzen und Wahrnehmungen, die strittig auszutragen sind, lediglich überdecken.
Bildnachweis: AI, Agentur Medienlabor.