Im letzten Blog haben wir über die Nutzung der historischen ANALOGIE von 1930 für die Gegenwart gesprochen. Sie betrifft primär die deutsche Innenpolitik und das strategische Verhalten der Parteien, insbesondere zum AfD-Verbot. JETZT kommt General Kellogg mit 1938, und er ist nicht der Erste!
Kellogg und 1938
Trumps Sondergesandter für die Ukraine, General Kellogg, den die Russen zugunsten von Steve Witkoff als Unterhändler abgelöst sehen wollten, warnt vor einem Angriff Putins auf ein Nato-Land.
Am eindringlichsten warnt der erfahrene Militär (entgegen Trump) vor zögerlichen Reaktionen auf die russischen Provokationen. Sie sind kein Versehen.
Er zieht eine historische Parallele zu München 1938 und vergleicht Putins expansionistische Macht mit Hitler: „In München 1938 sagte Hitler, er wolle nur das Sudetenland, dann kam das Rheinland, dann Polen und schon befinden wir uns im 2. Weltkrieg.“ (Tagesspiegel 20.9., Interview mit dem britischen ‚Telegraph‘).
Kellogg: „Wir müssen das jetzt aufhalten.“
Die nuklearen Drohungen schreibt er dem ehemaligen KGB-Agenten Putin, der immerhin Oberstleutnant war, zu, der nicht aufgehört habe, „ein Manipulator“ zu sein, der aber auch „ein Realist“ sei, der die militärische Sprache versteht. So denkt der kompetente General, der mit der Ukraine verbunden ist. Wie aber denken die Politiker und sogenannt einfachen Bürger, mit ihren Ängsten? Woran halten sie sich? HALTUNG genügt in solchen Fragen nicht.
Wir alle dachten, wir hätten diese berühmt-berüchtigten historischen Analogien (1930, 1933, 1938) überwunden – politisch wie wissenschaftlich. Aber sie sind nicht zu töten, sie kommen immer wieder. Die Geschichte wird für alle Zwecke gebraucht und missbraucht.
Gründe gibt es immer
Darüber haben wir aus der schnelllebigen Gegenwart heraus selbst zu urteilen (siehe den Blog „Geschichte als Argument?“), was sowohl präzises historisches Wissen wie politische Urteilskraft voraussetzt.
Beides ist im Allgemeinen nicht genügend vorhanden und muss deshalb gepflegt werden. Die politischen Debatten sind nicht zufällig emotional und moralisch besserwisserisch bis zur Feindseligkeit aufgeladen, was heute medial noch vervielfacht und verschärft wird. Das führt zur Verwahrlosung der Demokratie wie der politischen Kultur.
Was mir plausibel erscheint, ist, dass wir gegenwärtig die Folgen von Appeasement in der Politik sehen in Bezug auf den Ukraine-Krieg. Das war 1938 genauso, was wir im Nachhinein besser wissen.
Es handelt sich um eine Lehre aus der Geschichte, die häufig zitiert wird. Der britische Premierminister Blair hat sie auch zur Rechtfertigung des Irak-Kriegs benutzt. Hat er die Lehre falsch angewandt? Moralische Haltung hatte er, aber wie wir sehen, sie genügt nicht, sie kann sogar zu einem falschen Urteil verführen. Wir haben es also mit einem schwierigen Thema zu tun.
Das müsste auch Präsident Trump und seine Regierung beunruhigen. Hört sie noch auf den Ratschlag von Kellogg?Die Tschechen und Polen wissen das seit Langem, aus historischer Erfahrung, die sich ins kollektive Gedächtnis eingeprägt hat.
Sie scheuen den „Dritten Weltkrieg“, sagen Trump und Vance, das sagte auch Biden, verständlich und völlig zu Recht. Der historisch-politisch erfahrene Präsident Biden sah den Ukraine-Konflikt zuweilen nahe vor der Situation der „Kuba-Krise“ (1962).
Kennedy scheute ebenso den Dritten Weltkrieg. Das Duell mit Chruschtschow vor den Augen der Weltöffentlichkeit war atemberaubend, der Ausgang offen und riskant. Die Welt stand am Abgrund. Seitdem verdrängen wir die Apokalypse aus unserem öffentlichen Bewusstsein.
Aber Kennedy wusste auch, was auf dem Spiel steht, wenn die Abschreckung nicht mehr funktioniert.
Die Sprache militärischer Macht
General Kellogg, besonnen und kompetent, sieht, dass Putin blufft (Trump spricht mittlerweile von einem „Papiertiger“). Er sagt: „Da hilft nur Gegenhalten“, auch in der Sprache der Militärs, die wir bisher in unseren Blogs zur Sprache der Macht I bis lV nicht analysiert haben, schon gar nicht komparatistisch.
Auch die Sprache der militärischen Macht kennt vielfache Differenzierungen und die abwägende Verhältnismäßigkeit, von der viel abhängt. Auch für sie muss man sich verantworten können. Das heißt: die Begriffe und Mittel der Macht können und müssen differenziert eingesetzt werden.
Dies wird gerade wieder an verschiedenen Orten und auf unterschiedlichen (Kommando-)Ebenen täglich herausgefordert. Es herrscht eine gefährlich-labile Situation, die weder (erklärter) Krieg noch (nachhaltiger) Friede ist. Dies macht die Menschen verrückt, weil es eine verrückte Situation ist, in welcher der Ernstfall näher rückt.
Wenn nicht Drohnenkrieg, dann Cyberkrieg.
Die Dänen werden heimgesucht, da sie in vorderster Reihe der Ukraine-Unterstützer stehen und auch die „Flamingos“ in Dänemark gefertigt werden, die entscheidend werden können für die Zerstörung der russischen Kriegsinfrastruktur.
Je erfolgreicher die Distanzangriffe der Ukrainer werden, desto mehr Drohnen und anderes Gerät wird fortan über Europa kreisen. Damit müssen wir rechnen. Die Drohnen und die Drohnenabwehr sind gerade verspätet in aller Munde. Die Ukrainer haben das meiste Know-how darin.
Das deutsche Verteidigungsministerium investiert inzwischen schon Milliarden in die Weltraumverteidigung. Das militärische Denken weitet sich aus und die Szenarien werden immer schneller immer extremer. Wie hier noch einen kühlen Kopf bewahren? Durch Ignoranz, durch Indifferenz? Jedermann und jede Frau sind mittlerweile betroffen.
Die Bundeswehr kann nicht einfach Drohnen abschießen, schon gar nicht über Kasernen, dazu Oberst Glaab, Landeskommandeur von Thüringen: „Es bleibt eine Verwundbarkeit“ (FAZ, 26. 9., S. 4). Auch die Flughäfen sind unzureichend geschützt, was man schon länger weiß.
Noch schwieriger und schwerwiegender wird die militärische Antwort bei Luftraumverletzungen in einem Nato-Land wie Lettland oder Polen. Hier will der Nato-Rat eine deutliche Reaktion zeigen, denn Putin testet ganz offenbar das Verteidigungsbündnis. Die Nato-Verbände verfügen über Einsatzregeln, die im Verhältnis zur Gefahr stehen.
Am Spielfeldrand als Beobachter und Analytiker ist es leichter zu urteilen als in der aktuellen Situation, in der schnell die richtige Entscheidung gefällt werden muss, in der Luft und zur See, wo neulich in der Ostsee ein russisches Kampfflugzeug die Fregatte ‚Hamburg‘ im Tiefflug überflogen hat.
Wie soll die Nato darauf reagieren? Besonnen und entschlossen lautet die allgemeine Antwort. Konkret heißt sie: mit dem Abhalten großer Militärübungen in der Baltischen See, mit Flugzeugträgern etc. Nur diese Sprache militärischer Macht versteht Putin.
Das russische Verteidigungsministerium wird sagen, der Flugzeugträger bedrohe Russlands Sicherheit, so wie es automatisch jede Provokation und jeden Angriff auf Zivilisten in der Ukraine seit Jahren sofort dementiert. Danach folgt jeweils die Polemik des Außenministeriums, von Medwedew oder den Propagandisten des Staatsfernsehens. So warf Medwedew jüngst sogar Finnland vor, „Kriegsvorbereitungen“ zu treffen.
Ausgerechnet Finnland! Das ist lächerlich. Es befestigt nur seine langen Grenzen mit Russland (mit vielen Erfahrungen!). Und baut seinen Zivilschutz richtigerweise aus. Aber Finnland ist Nato-Mitglied geworden und damit ein Feind für Russland, das seinen proaktiven Widerstand nicht aufgegeben hat, ebenso wie Polen und die baltischen Staaten.
Russland befindet sich erklärtermaßen im Krieg mit der Nato. In Deutschland sagen immer mehr, man sei zwar nicht im Krieg, aber auch nicht im Frieden mit Russland. Man übt inzwischen fleißig den Ernstfall, in der Ostsee zum Beispiel mit simulierten U-Boot-Jagden oder gerade mitten in Hamburg mit der Übung „Red Storm Bravo“: „Es wirkt, als sei Krieg.“
Die kremltreuen russischen Kriegsblogger wiederum sehen dies als Aufbau eines Feindbildes, um der eigenen Bevölkerung den Wehretat schmackhaft zu machen. Hinter den ständigen Provokationen, die bewusst für Unruhe und Angst sorgen, steckt möglicherweise das Kalkül, dass die europäischen Nationen mehr in die eigene Verteidigung investieren müssen und so die Ukraine weniger unterstützen können.
Trump wiederum könnte seine Hände in Unschuld waschen (Schuld am Krieg ist ohnehin Biden!) und die ganze Sache den Europäern überlassen. Sieben Kriege habe er ja schon gelöst, ohne dass es ihm die Uno gedankt habe. Mit Putin habe er es versucht. Nun sollen die Europäer mehr tun, es sei „ihr Krieg“. Amerika werde unterstützen. Die Nato ist noch einmal gerettet worden und wird weiterhin mit Waffen beliefert.
Selenski sagte vor der Uno: „Nicht das Völkerrecht, nur Waffen und Freunde helfen.“ Gleichzeitig warnte er vor einem KI-gesteuerten „wahnsinnigen Rüstungswettlauf“.
Ob dies die Europäer stemmen werden, ist zu bezweifeln. Gerade sprechen sie kompensatorisch von einem „Drohnenwall“.
Churchill und Selenski
Seinerzeit musste Churchill die Amerikaner überzeugen, sich in Europa einzubringen, heute ist es Selenski. Ein Tag vor Trumps historischer Uno-Kritik kam es zu einem bilateralen Gespräch der beiden und zu Trumps Kehrtwende gegenüber Putin, von der persönlichen Wertschätzung zur Geringschätzung, die dem Ukraine-Krieg Ende September 2025 noch einmal eine neue Dimension und Wende gibt: „Kiew kann die gesamte Ukraine zurückerobern“ – mit den Verbündeten (Trump 24.9.).
Mit dem realistischen Appeasement (das Biden Trump noch vorwarf) ist es damit vorbei, es gilt die Einsicht:
Noch mehr Nachgiebigkeit führt zunächst zu mehr inakzeptablen Übergriffen, sie erhöht die Kriegsgefahr und wirkt ihr nicht entgegen. Damit kommen wir zur historischen Lektion für die aktuelle Gegenwart.
Damals dauerte die „Drôle de Guerre“, der „Sitzkrieg“, vom September 1939 bis 1940. „Dass wir nicht bereits 1939 gescheitert sind, war dem Umstand zu verdanken, dass während des Polen-Feldzuges die schätzungsweise 110 französischen und britischen Divisionen gehalten wurden“ (Generaloberst Alfred Jodl 1946).
Dieses Zitat ist eine Brücke zur aktuellen Situation.
Der Feind ist hochgradig aktiv und mobilisiert seine Kräfte mit allen Mitteln, er ist zwar nominell unterlegen, hat aber den zentralen Vorteil, dass er gegen einen Gegner kämpft, der nicht motiviert ist, besondere Anstrengungen auf sich zu nehmen, weil er sich auf eine imaginäre Sicherheit verlässt. Das war damals die Illusion der unüberwindlichen Maginot-Linie, heute ist es der Artikel 5 der Nato.
Dieser Gegner beginnt, das Wort „Drohne“ erst jetzt langsam ernst zu nehmen, das den ukrainischen Infanteristen an der Front seit Langem täglich immer mehr zusetzt. Aber diesen (moralisch-politischen) Standpunkt hat man nie wirklich eingenommen, sonst hätte man während der letzten Jahre vielfach anders und schneller entschieden.
1939 hielten viele im Westen die Wehrmacht für schwach und lediglich improvisiert, heutzutage wird gern betont, dass Russland ja wirtschaftlich schwach sei. An der derzeitigen Westfront verstreichen drei Jahre ohne ernsthafte Investition in die Drohnenabwehr und die Luftverteidigung sowie den Schutz der kritischen Infrastruktur, von der jetzt in Deutschland ständig die Rede ist – auch und zu Recht als elementare Staatsaufgabe!
Dazu kommt die große Illusion der Zeit: man lässt sie verstreichen, kann nicht unterscheiden zwischen Chronos und Kairos und überspielt so den Ernst des Entscheidenkönnens. Das „Sitzenbleiben“ und das „Sitzfleisch des inflationären Diskurses“ werden zum eigentlichen Risikofaktor.
Der Gegner muss nicht stärker sein, wenn er nur handlungsbereiter ist. Die implizite Hoffnung, die schon oft getrogen hat, ist, dass China seine Interessen so definiert, dass es damit Russland nicht zu weit gehen lässt, wofür Kanzler Scholz schon eigens nach Peking gereist ist, dient der Bewahrung der eigenen Diplomatie.
1939/40 hätten Frankreich und Großbritannien tatsächlich zwei Dinge tun können, ja moralisch müssen, denn Verträge und Verpflichtungen gab es:
1. Polen zu entlasten durch einen Angriff auf den damals schwach verteidigten Westwall.
2. Die eigene Wehrbereitschaft steigern durch Panzer- und Flugzeugproduktion.
Beides geschah nicht.
Daladiers Einsicht
Stattdessen wartete man ab, die Zeit verstrich, die immer neue Möglichkeiten eröffnet. Durch ein Worst-Case-Szenario wurde damals wie heute die eigene Passivität gerechtfertigt. Der Mensch als animal rationale braucht immer Gründe! Und er findet sie: eigene Verluste und das Risiko eines Atomkrieges sind gewiss schwerwiegende Gründe.
So überließ und überlässt man dem Gegner das Feld. Abschreckung wird zur Selbstabschreckung. Russland bekommt einen Freibrief zur unbegrenzten Aggression unterhalb der nuklearen Schwelle. Moskau diktiert damit den Rahmen der Eskalation. Das eigene Nicht-Handeln vergrößert das Risiko noch größerer Eskalation.
Politiker und Publizisten sprachen schon damals zahlreich und gutmeinend, aber naiv von unvermeidlicher Verständigung mit Deutschland. Sie können sich heute auch gern auf die Launen des mächtigen amerikanischen Präsidenten berufen, den die europäischen Politiker umschmeicheln, da die Geltungsdauer seiner Worte ungewiss ist. Sie verstecken sich wechselseitig hinter einem wackligen Konsens.
Frankreich hätte dem Münchner Abkommen nicht zustimmen müssen, wenn seine Luftstreitkräfte besser ausgerüstet gewesen wären (Daladier). Daladier, der Präsident des Ministerrates der Französischen Republik 1938 bis 1940, gab immerhin zu, dass das Abkommen eine Folge der eigenen militärischen Schwäche war.
Auch die Klugen und Abwägenden entscheiden in einer entscheidenden Situation nicht immer richtig. Selbst die vorsichtige Vernunft ist kein Garant des Friedens. Das Problem war und ist vielmehr, dass die Appeasement-Politik, die Pazifismus-Geneigten naheliegt, nicht das Ergebnis einer politischen Analyse des Gegners ist, sondern eher die Theoretisierung oder Rationalisierung der eigenen Schwäche, die zur Ausrede wird.
Triftige Gegneranalysen sind in der Politik entscheidend wichtig, denn Politik bleibt ein Kampf, wie auch immer, wenn auch, selbstverständlich, nicht immer in der militärischen Sprache.
Kellogg hat die richtige Analyse geliefert, der aus Angst vor den Konsequenzen nicht gefolgt wird. Das Resultat ist eine illusionäre Politik, die mit einer Vernunft aus Vorsicht gestärkt wird. Sie dient der beruhigenden Selbstentlastung.
Man weiß heute, dass Russland strategische Ziele verfolgt, die über die Ukraine hinausgehen, denn es ist offensichtlich. Dieses Wissen muss man verdrängen und nennt es ‚Friedenssicherung‘. Gerade in Freund-Feind-Konstellationen ist indessen Vernunft im Sinne von Vorsicht oft trügerisch, denn sie führt zur Selbstlähmung.
Jede Handlung wirkt vor diesem Hintergrund riskant und wird deshalb unterlassen. Der Gegner als Feind interpretiert dies jedoch nicht als Rationalität, sondern als Schwäche, und passt seine Strategie entsprechend an, indem er das Heft des Handelns übernimmt.
Die Geschichte als (beruhigendes) Argument zeigt, dass solche Phasen des Abwartens (1938/39, Sitzkrieg 1939/40) nicht den Frieden fördern, sondern den Preis künftiger Auseinandersetzungen erhöhen.
Bildnachweis: Fotocollage, KI-generiert.